Kabinett verabschiedet Versorgungsgesetz - Kosten für Kassen: 200 Mio. Euro jährlich

Geld und andere Bonuspunkte sollen Ärzte aufs Land locken

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Es wird nicht nur geschlossen: Die Frankenberger Ärzte Hans-Jürgen Otto (links) und Gerd Freytag (Kreis Waldeck-Frankenberg) sind im Februar mit ihrer Zweigstelle in Sachsenberg sogar in eine neue Hausarztpraxis umgezogen.

Berlin. Mit höheren Honoraren will die Bundesregierung mehr Ärzte aufs Land locken. Der gestern vom Bundeskabinett verabschiedete Gesetzentwurf reagiert auf zunehmende Medizinerlücken vor allem in ländlichen Regionen.

Die auch in Nordhessen und Südniedersachsen bekannten Probleme: Viele Landärzte gehen in absehbarer Zeit in den Ruhestand, zum anderen wächst der Bedarf wegen der alternden Bevölkerung. Auch wollen zu viele Mediziner in Städten praktizieren und zu wenige auf dem Land.

Das soll sich ändern, wenn das Regelwerk wie geplant Anfang 2012 in Kraft tritt: • Ärzte, die in dünn besiedelten Regionen praktizieren, müssen keine Abschläge mehr auf ihre Honorare hinnehmen. Diese Abschläge sorgen bisher dafür, dass Medizinern das Geld pro Behandlung gekürzt wird, wenn sie besonders viele Patienten haben. • Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Vertragsärztinnen sollen sich nach einer Geburt zwölf statt bisher sechs Monate vertreten lassen können. • Abschied von der Residenzpflicht: Ärzte, die auf dem Land praktizieren, sollen in der Stadt wohnen dürfen. • Mehr Medizin-Studienplätze sollen das Problem ebenfalls lindern helfen: Dazu will der Bund den Ländern befristet Zuschüsse zahlen. Bei der Studienplatzvergabe soll zudem nicht länger nur die Abiturnote zählen, sondern auch eine hohe Motivation für den Arztberuf. Pluspunkte sollen eine Berufsausbildung im medizinischen Bereich oder auch ein Freiwilliges Soziales Jahr bringen. Darüber entscheiden aber letztlich die Länder. • Auch eine Landarztquote regt das Kabinett an: Mit ihr könnten Studienbewerber, die sich freiwillig verpflichten, nach Abschluss ihrer Ausbildung in unterversorgten Gebieten zu arbeiten, besonders gefördert werden. Die Rede ist von drei bis fünf Prozent der Studenten. • Gemeinden sollen Arztpraxen in Eigenregie betreiben können, bei Bedarf soll es „rollende Arztpraxen“ geben. • Der Abbau von Arztpraxen in überversorgten Ballungsräumen soll einfacher werden: Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) erhalten ein Vorkaufsrecht, wenn ein Arzt seine Praxis verkaufen will. Sie können die Praxis schließen, wenn nicht ein Angehöriger des Arztes übernehmen will.

Das Gesetz würde den Krankenkassen voraussichtlich Zusatzkosten bis zu 200 Millionen Euro im Jahr aufbürden. Im Gegenzug soll gespart werden - an Klinikaufenthalten und Krankentransporten.

Befürchtungen der Kassen, die Mehrkosten könnten sich im Milliardenbereich bewegen, wies Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) gestern zurück. Die Kassen trauten sich wohl nicht viel Verhandlungsgeschick zu. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sichert sich ab: Sollten die Kosten bis 2014 höher liegen als geplant, muss Bahr das Geld durch Schnitte im Gesundheitssystem ausgleichen.

Hintergrund: Region: Kampf gegen verwaiste Praxen

• Kassel ist noch besser dran als das Umland und gilt mit 141 Hausärzten als überversorgt. Aber: 65 Prozent der Hausärzte sind älter als 50 Jahre, 15 Prozent über 60. Arbeiten alle bis 68, bleiben laut Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung bis 2025 von 141 nur 65 Hausärzte.

• Im Schwalm-Eder-Kreis waren im Vorjahr 77 der 116 niedergelassenen Allgemeinmediziner 50 Jahre und älter. Dr. Dieter Conrad aus Neuental, Sprecher des Hessischen Hausärzteverbandes, nannte damals die Regelung des Bereitschaftsdienstes besonders abschreckend für Jungärzte: Ein Dienst jede Woche, das vergraule die Kollegen.

• Extrem ist die Lage in Ottrau (Schwalm-Eder-Kreis): Die Allgemeinmediziner-Praxis der 2400-Seelen-Gemeinde ist seit 2007 verwaist. Versuche, etwa eine Ärztin aus Rumänien zu gewinnen, schlugen fehl. Jetzt will Ottrau in Krankenhäusern werben und einem neuen Arzt sogar eine Bürgschaft zum Start anbieten.

• Auch soll die Lage besser werden: Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg, Kliniken und niedergelassene Ärzte haben Anfang 2011 eine Hausarztakademie gegründet: Jungmediziner sollen dort wohnortnah vielfältig weitergebildet werden. Bei Niederlassung und Berufsstart wollen erfahrene Kollegen Anfänger betreuen - bei Finanzierungskonzepten, Wohnungssuche und sogar Kinderbetreuung.

• Im Werra-Meißner-Kreis wurde das Projekt Mobile Arzthelferin entwickelt: Zwei Jahre fuhren sieben Helferinnen durch die Region, um chronisch Kranke zu besuchen und dem Arzt Wege zu ersparen. Langfristig war das Projekt mit den Kassen nicht finanzierbar. Der Großalmeröder Arzt Dr. Jan Purr schickt dennoch weiter eine Helferin raus.

• Habichtswald-Dörnberg (Landkreis Kassel) ist seit Ende Juni ohne Arzt - der alte ging in Rente. Zweimal die Woche bietet jetzt eine Praxis aus Ehlen drei Stunden lang „Zweitsprechstunde“ an. (red)

Hintergrund II: Hessen - Zank unter Medizinern

Urlaubsvertretung für Hausärzte, die Übernahme vakanter Praxen, „fahrende Arztsprechstunden“ auf dem Land - mit solchen und weiteren Vorschlägen haben Hessens Krankenhäuser Ende Juli ihre Dienste zur Verbesserung der Versorgung angeboten. Die Hessische Krankenhausgesellschaft (HKG) zielt damit auf ein Ende der „strikten Trennung zwischen ambulantem und stationärem Bereich“. Vermutlich deshalb hat Hessens Ärztekammer das HKG-Positionspapier empört vom Tisch gewischt.

„Unüberlegt, unrealistisch und kontraproduktiv“, schimpft Kammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Viele Krankenhäuser suchten doch selbst händeringend nach Ärzten. Sie zögen sich zudem immer mehr aus der Fläche zurück. Mit unhaltbaren Versprechen wollten die Krankenhäuser wohl einfach besser an den Geldtopf. (wrk)

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