Der Tod von Ralf Briese (Grüne) und Reinhold Coenen (CDU) überschattet die Sitzung

Der Landtag trägt Trauer

Gedenken: Weiße Rosen liegen im Plenarsaal des Landtags in Hannover auf dem Platz von Reinhold Coenen. Links: CDU-Abgeordneter Lothar Koch aus Duderstadt (Kreis Göttingen). Foto:  dpa

Hannover. Selten ist der Niedersächsische Landtag so ruhig und nachdenklich wie an diesem trüben Oktober-Mittwoch. Parlamentspräsident Hermann Dinkla (CDU) mahnt zum Innehalten. „Wir sollten uns deutlich machen, dass Politiker keine stets funktionierenden Automaten sind, sondern Menschen mit Stärken und Schwächen.“ Der plötzliche Tod von zwei Kollegen überschattet die Debatte über den Nachtragshaushalt.

Rotgeweinte Augen

Die Mitglieder der Grünen-Fraktion tragen alle schwarz, viele haben rotgeränderte Augen, greifen zu ihren Taschentüchern. Auf dem Tisch vor dem leeren Stuhl von Ralf Briese liegt ein Gesteck mit weißen Rosen. Der grüne Innenexperte hat sich am Wochenende zu Hause das Leben genommen; der 40-Jährige litt dem Vernehmen nach an schweren Depressionen. Einige Abgeordnete ziehen am Rande der Sitzung den Vergleich mit Nationaltorwart Robert Enke von Hannover 96, der vor zwei Jahren Suizid begangen hatte.

„Verdammt noch mal, lieber Freund, du fehlst uns so“, heißt es in der Traueranzeige der Grünen-Fraktion für Briese. Fassungslosigkeit herrscht auch bei den anderen Parteien über den Freitod. „Ralf Briese hat seine Ansichten entschieden vertreten und verteidigt, ohne dabei Andersdenkende persönlich anzugreifen“, lobt Dinkla die fachliche Arbeit des Oldenburgers.

Noch vor wenigen Monaten hatte Briese den geballten Zorn von CDU, SPD, FDP und Linken auf sich gezogen, weil er die Abschaffung der Sitzungsgelder für Abgeordnete gefordert hatte. Wie es gesundheitlich um ihn stand, ahnten die meisten nicht.

Ebenso unerwartet schied für viele der Vorsitzende des Innenausschusses, Reinhold Coenen (CDU), aus dem Leben. Der Landtagspräsident würdigt Coenen für die „ihm eigene Beharrlichkeit“.

Dinkla appelliert: „Wir sollten und müssen uns fragen, ob viele von uns mit dem starken Zwang, der sich aus der politischen Arbeit ergibt, und dem Anspruch an uns selbst, immer ansprechbar zu sein und keine Schwäche zuzulassen, manchmal die eigenen Kräfte überschätzen.“ Es mache ihn betroffen, dass man manchmal nicht spüre, unter welchem Druck politische Freunde und Gegner stünden, weil die mitmenschlichen Dinge zu kurz kämen.

„Dinkla hat genau die richtigen Worte gefunden“, meint die Grünen-Abgeordnete Miriam Staudte sichtlich bewegt. Ihre Banknachbarin und Lüneburger SPD-Kollegin Andrea Schröder-Ehlers begeht an diesem denkwürdigen Tag ihren 50. Geburtstag. So richtig zum Feiern ist ihr allerdings nicht zumute. Über die Blumensträuße und zahlreichen Glückwünsche mag sie sich nicht so recht freuen.

Von Peter Mlodoch

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