Hessische Landtagswahlen

SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel im Porträt

„Ich will Rot-Grün“: Thorsten Schäfer-Gümbel (43), SPD-Spitzenkandidat. Foto: Koch

Wer wird im Januar vom Landtag zum hessischen Ministerpräsidenten gewählt? Volker Bouffier (CDU) oder sein Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD)? Am Sonntag entscheiden die Wähler, wer die erforderliche Mehrheit im Landesparlament bekommt.

Als Kind wollte Thorsten Schäfer-Gümbel Lkw-Fahrer werden, wie sein Vater. Aber dann kam alles anders für den Jungen aus der Gießener Nordstadt, dem eine Politiker-Karriere nicht gerade in die Wiege gelegt war. Thorsten Schäfer, so hieß er damals, durfte als einziges von vier Kindern der Familie aufs Gymnasium und sah es fortan als Verpflichtung an, es dann auch zu etwas zu bringen.

Mit 20 drohte er zu erblinden, musste operiert werden und trägt seitdem Brillengläser, die Medien Ende 2008 wahlweise hämisch als Gurkengläser oder Glasbausteine beschrieben. Denn am 8. November 2008 war Thorsten Schäfer-Gümbel, der seit 2003 dem Landtag angehört, buchstäblich über Nacht vom Hinterbänkler zum Hoffnungsträger geworden: Nach ihrem Wortbruch-Debakel rief Andrea Ypsilanti ihn an jenem Tag im Frankfurter DGB-Haus überraschend zum Spitzenkandidaten für die Neuwahl im Januar 2009 aus.

39 Jahre alt, war TSG, wie die SPD ihn nennt, längst mit der Grebensteiner Historikerin Annette Gümbel verheiratet, das dritte Kind war gerade 16 Monate alt. Ein Übergangskandidat zum Verheizen? „Es werden sich noch viele wundern, wie eigenständig ich bin,“ sagte er am Morgen danach im Interview dieser Zeitung. „Ich bin nicht der Kandidat für 71 Tage. Ich stehe ab sofort zentral auf dem Platz.“

HNA-Interview mit Thorsten Schäfer-Gümbel im Video

Artikel über seine Brillengläser und den Doppelnamen liest der 43-Jährige längst nicht mehr. Dafür hat er als Gesellenstück die verfeindeten Lager der Hessen-SPD zusammengeführt, hat linke wie rechte Sozialdemokraten eingebunden und der SPD wieder Schlagkraft verliehen. Auch in Berlin hört man auf ihn. 2009 war für die SPD nichts zu holen, doch am Sonntag will er die Meisterprüfung schaffen und im Januar im Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt werden.

Viele hatten den etwas ungelenk wirkenden Politologen mit der sparsamen Mimik und Gestik unterschätzt. Doch er hat an Statur und Lockerheit gewonnen. Seine Sympathiewerte sind höher als die von Ministerpräsident Volker Bouffier, der im selben Wahlkreis antritt. Gerade aber hat die Vergangenheit „TSG“ eingeholt. Was, wenn der grüne Wunschpartner schwächelt? Und aber die Linke zur Mehrheit verhelfen könnte, wie damals, bei Ypsilanti? Der Spitzenkandidat wehrt ab: „Ich will Rot-Grün.“ In die Glaubwürdigkeitsfalle will er nicht treten, auch wenn der Gegner versucht, ihn zu schubsen. Er glaubt, dass die Menschen sich eher für die Betreuung und Bildung ihrer Kinder, für gute Löhne und gerechte Steuern interessieren. Außerdem setzt er auf eine alte Wahlkämpfer-Weisheit: Wer über einen Plan B spricht, glaubt selbst nicht, dass er gewinnt.

Zur Person Thorsten Schäfer-Gümbel

• Thorsten Schäfer-Gümbel kam am 1. Oktober 1969 in Oberstdorf (Allgäu) zur Welt.

• Er wuchs in Gießen auf, studierte erst Agrar- und dann Politikwissenschaften und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Referent.

• 1986 trat er in die SPD ein, war im Kreistag aktiv und wurde 2003 in den Landtag gewählt.

• Nach der gescheiterten Ministerpräsidentinnenwahl von Andrea Ypsilanti wurde er Spitzenkandidatur für die Neuwahl 2009, dann auch Partei - und Fraktionsvorsitzender.

• Thorsten Schäfer-Gümbel ist mit der Nordhessin Annette Gümbel (Bild) verheiratet.

Das Paar hat drei Kinder und lebt in Lich im Landkreis Gießen.

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