Kandidat zur Wahl in Hessen

Landtagswahl: Für Juri Stölzner (Grüne) hat die Bewahrung der Lebensgrundlage Priorität

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Hoffen auf Lebenszeichen: Bei Rengershausen brannte Ende Juli eine große Waldfläche. Dies kostete auch vielen Tieren, wie Fledermäusen in ihren Baumhöhlen, das Leben. Juri Stölzner, Landtagskandidat der Grünen, ist mit dem Fledermausdetektor unterwegs. Wegen der schwierigen Lichtverhältnisse in der Dämmerung entstand unser Foto schon vor der Pirsch.  

Am 28. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Im Wahlkreis Kassel-Land I, zu dem die Altkreise Wolfhagen und Hofgeismar gehören sowie Espenau und Fuldatal, bewerben sich sieben Kandidaten. Wir stellen Juri Stölzner, den Kandidaten der Grünen, vor.

Kreis Kassel. Juri Stölzner lebt rund um die Uhr für seine Überzeugung: Ob im Job, wo er unter anderem bei Bauprojekten naturschutzrechtliche Gutachten erstellt, nach Feierabend, wenn er durch Wald und Feld stapft oder mitten in der Nacht, wenn es gilt, hungrige Fledermausbabys zu füttern. Der Arten-, Klima- und Naturschutz steht wie mit Leuchtbuchstaben über seinem Leben, treibt ihn an und ist seine „Herzensangelegenheit“, wie er sagt. „Wir hätten eigentlich schon vor 20 Jahren reagieren müssen. Spätestens jetzt müssen wir aber handeln, sonst berauben wir uns unserer Lebensgrundlage“, warnt Stölzner und will in der Politik direkt lokal damit beginnen, Klimaziele umzusetzen. Und so verschwimmen auch beim Termin mit der HNA wieder Hobby und politische Arbeit. Juri Stölzner will zum Waldbrandgebiet nach Rengershausen. Der Gummistiefel-Biologe, wie er sich selbst nennt, möchte sich dort ein Bild vom Ausmaß des Brandes machen und hat im Rucksack den Detektor dabei. „Im Zuge der Klimaerwärmung werden wir in Zukunft wesentlich häufiger mit Waldbränden zu tun haben“, befürchtet Stölzner.

Er zeigt auf verkohlte Baumhöhlen, in denen das hier vorkommende Braune Langohr oder die Bechsteinfledermaus verbrannt sein könnten. Der 36-Jährige hält sich aber nicht mit Trauerreden auf, lamentieren ist nicht sein Ding. Die Fläche sei ökologisch wertvoll und ideal, um hier ein Versuchsfeld mit Modellcharakter einzurichten. So könne man an den wasserarmen Hangbereichen mit klimaresistenten Baumarten experimentieren und die Altbäume als Lebensraum stehenlassen. Die Trockenheit der vergangenen Jahre zeige, dass man sich in allen Lebensbereichen auf den Klimawandel einstellen müsse. Dazu zähle auch die Erhöhung von Wasservorräten.

Als 16-Jähriger habe er angefangen, am Stammtisch zu diskutieren. „Irgendwann konnte ich es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren, nicht mehr zu tun. Auch auf die Gefahr hin, auf die Nase zu fallen.“ Man nimmt ihm das ab. Stölzner wirkt nicht wie ein Machtmensch, der sein Ego befriedigen will. Er tut, was getan werden muss und will als Biologe seine fachliche Kompetenz in die Politik einbringen.

„Bauen mit viel Grün“

Auf dem Rückweg vom Waldbrandgebiet geht es an Feldern vorbei. Hier sieht Stölzner großes Potenzial, etwas für den Artenschutz zu tun. Er verurteilt die konventionelle Landwirtschaft nicht. „Wir können über die Kleinfelderwirtschaft hier in der Region froh sein“. Gemeinsam mit den Landwirten könnten sinnvolle Projekte umgesetzt werden. Ebenso im Bereich des Wohnungsbaus. Energieneutrales Bauen mit viel Grün statt Betonwüsten würde auch zur Wohnqualität der Menschen beitragen. Von großen Plänen zum praktischen Einsatz. Als beim Einbruch der Dunkelheit die ersten Fledermäuse fliegen, macht sich Juri Stölzner auf den Weg nach Hause. Ein Naturfreund hat ein mutterloses Fledermausbaby vorbeigebracht. Eine lange Nacht steht ihm bevor, in der er sich stündlich beim Füttern mit seiner Lebensgefährtin abwechselt. Artenschutz erfordert nun mal Ausdauer.

Seine politischen Ziele

Juri Stölzner kandidiert nicht nur für die Landtagswahl am 28. Oktober, sondern auch für das Amt des Bürgermeisters in Baunatal, die am selben Tag stattfindet. „Meine Landtagskandidatur stand schon fest, als Manfred Schaub verstarb“, so Stölzner. Bei der Landtagswahl habe er geringe Chancen auf ein Abgeordnetenmandat. Er stehe auf der Grünen-Landesliste auf Platz 32. Daher kandidiere er auch für das Bürgermeisteramt. Er wünscht sich, dass die Grünen auf Landesebene stark werden. Seine Ziele, die er in beiden Ämtern umsetzen will, unterscheiden sich ohnehin kaum voneinander. So ist ihm unter anderen eine familienfreundliche Kinder- und Jugendpolitik mit genügend Kita-Plätzen wichtig. 

Außerdem zukunftsorientierter Umwelt- und Naturschutz mit Verbesserung der Artenvielfalt. Stölzner wünscht sich mehr Klimaschutzinvestitionen und den Ausbau Erneuerbarer Energien, eine höhere Förderung für energetische Gebäudesanierungen und die weitere Modernisierung öffentlicher Gebäude, eine veränderte Wohnungsbaupolitik, Gebäudesanierung und Aufstockung mit altersgerechtem Umbau, weniger Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie die Baulückenbebauung. Doppel- und Reihenhäuser für junge Familien, Mehrgenerationen-Projekte und bezahlbare, barrierefreie Wohnungen seien sinnvoll. 

Stölzners Ideen sind eine nachhaltige und zukunftsweisende Struktur- und Verkehrspolitik, energiesparende und schadstoffarme Verkehrsträger, ein bezahlbarer ÖPNV im ländlichen Raum, konsequenter Ausbau des Radwegenetzes sowie die Sicherstellung und Verbesserung der medizinischen Versorgung und Pflege im ländlichen Raum.

Zur Person

Juri Stölzner (36) wurde in Kassel geboren und wuchs in Edermünde auf. Er besuchte die König-Heinrich-Schule in Fritzlar und machte danach Zivildienst im evangelischen Freizeitheim in Niedenstein. Es folgte ein Auslandsjahr in Australien. Hier arbeitete Stölzner in der Landwirtschaft. In der Uni Kassel studierte er Biologie und arbeitet heute als selbstständiger Fledermauskundler und naturschutzfachlicher Gutachter. Er hat mit zwei weiteren Biologen eine GbR gegründet und weitere Arbeitsplätze geschaffen. Der Landtagskandidat der Grünen lebt mit seiner Lebensgefährtin in Guntershausen und hat keine Kinder. (ewa)

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