Analyse: Die CSU hatte stets Erfolg mit der Verbindung von Tradition und Modernität

Lederhose und Laptop

In der ländlichen Tradition verwurzelt: Wahlplakat der CSU aus der Zeit zwischen 1945 und 1950. Fotos:  dpa

Es scheint ein ungeschriebenes bayerisches Gesetz zu sein, das 1957 in Kraft trat: Seit damals stellt die CSU, die Christlich Soziale Union, in Bayern ununterbrochen den Ministerpräsidenten. Stets war sie seither die stärkste politische Kraft, kam 1974 auf sage und schreibe 62,1 Prozent und 2003 noch einmal auf 60,1 Prozent. Von 1970 bis 2008 regierte sie sogar mit absoluten Mehrheiten. Wie ist es möglich, dass eine erst 1945 gegründete Partei eine solch beherrschende Stellung über eine so lange Zeit halten kann?

Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel und derzeit Staatssekretär in Brandenburg, erläuterte es uns einmal so: Zum einen sei die CSU in den bayerischen Kleinstädten und Dörfern immer tief verwurzelt gewesen. „Neben jeder Kirche gab es die Feuerwehr und ein CSU-Büro“, so Schroeder. Zum anderen habe die Partei immer zwei Dinge unter einen Hut bekommen: Traditionsverwurzelung und Modernisierung. Nach außen habe man damit Konservatismus signalisiert, sich aber gleichzeitig an die Spitze des Fortschritts gestellt.

Hinzu kam, dass die Partei oft durch starke Persönlichkeiten verkörpert wurde. Das war zu Gründungszeiten „Ochsensepp“ Josef Müller, (1898-1979), später der barock regierende Alfons Goppel (1905-1991). Und vor allem natürlich dessen Nachfolger Franz Josef Strauß (1915-1988), eine Ausnahmeerscheinung der deutschen Nachkriegspolitik, blitzgescheit in der Analyse, brillant am Rednerpult, manchmal skrupellos in der Durchsetzung politischer Ziele wie im Jahr 1962 in der „Spiegel“-Affäre. Er baute die Regionalpartei und kleine Schwester der großen CDU zu einem eigenständigen und oft unberechenbaren Faktor in der westdeutschen Bundespolitik auf.

1976 kündigte Strauß bei einer Klausur in Wildbad Kreuth die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag auf und spekulierte offen mit der bundesweiten Ausdehnung seiner Partei. Erst im Beharrungsvermögen des von ihm unterschätzten CDU-Chefs Helmut Kohl fand er seinen Meister.

Wer so lange und unumstritten regiert, wird anfällig für Verkrustungen und Vetternwirtschaft, Skandale und Affären. Die Quittung bekam die CSU bei der Landtagswahl 2008. Sie stürzte auf kaum fassbare 43,4 Prozent, ein in 60 Jahren nie erreichter Tiefstand. Nach 46 Jahren Alleinherrschaft brauchte die CSU die FDP als Koalitionspartner, um die Regierung zu bilden. Bis gestern.

Die SPD hatte es hingegen immer schwer in Bayern. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land nur zweimal von einem Sozialdemokraten regiert. 1945/46 hoben die amerikanischen Besatzungsbehörden Wilhelm Hoegner ins Amt. Von 1954 bis 1957 regierte dieser abermals, diesmal an der Spitze einer Koalition von SPD, Bayernpartei, dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) sowie der FDP.

Das Problem der SPD in Bayern war immer, dass sie nur in ihrem zumeist städtischen Milieu verwurzelt blieb. So stellte sie zwar in München mit Hans-Joachim Vogel, Georg Kronawitter und Christian Ude populäre Oberbürgermeister. Auf Landesebene blieb die Partei dagegen stets blass und ohne Profil. 35,8 Prozent im Jahr 1966 waren ein nie wieder erreichter Höchststand.

Von Moritz Schäfer

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