Badesalz steht drauf, Drogen sind drin

„Legal Highs“: Synthetische Drogen im Internet legal zu haben

„Legal Highs“ sind in Pillenform im Umlauf.

Im Internet werden synthetische, berauschende Substanzen legal angeboten: „Legal Highs“, die vermeintlich harmlosen Drogen bringen immer mehr junge Menschen auf die Intensivstation oder in Entzugskliniken.

Genuss ohne Reue – zumindest ohne juristische Konsequenzen: Damit preisen Anbieter öffentlich ihr Drogensortiment im Internet an. Und der Staat hat Mühe, dagegen vorzugehen.

So heißt es auf einer Anbieterseite: „Völlig abgehoben oder sternhagelvoll und nichts von den Behörden zu befürchten? Geile Idee! Man muss seinen Stoff nicht verstecken und nicht mit schäbigen Gaunern in Hinterhöfen verhandeln. Und das Beste daran ist - Du musst noch nicht einmal Deine Wohnung verlassen, um Deine gewünschten Produkte zu bekommen. Durchstöber unsere umfangreiche Auswahl an legalen Rauschmitteln und Du wirst erstaunt sein.“

Und das ist man tatsächlich: Allerlei mit chemischen Substanzen angereicherte Kräutermischungen, Pulver oder Pillen werden dort als vorgeblich legale Alternative zu illegalen Drogen angeboten. Aber auch bei den „Legal Highs“ handelt es sich um Drogen. Deklariert sind sie allerdings als Raumduft, Räuchermischung, Badesalz oder Pflanzendünger, ohne die wahren Inhaltsstoffe anzugeben. Denn diese erfüllen in Wirklichkeit einen ganz anderen Zweck: Die Kunden rauchen die berauschenden Mischungen als Cannabisersatz, nehmen sie in Tablettenform wie Ecstasy oder LSD ein oder schnupfen sie wie Amphetamin. Und die Auswahl ist groß: Nachdem vor fünf Jahren die Droge „Spice“ verboten werden konnte, rücken andere Stoffe nach. Sie kommen in quietschbunten Tütchen daher, tragen exotische Namen wie „Bonzai Summer Boost“ oder „Amazonas Vanilla“ und duften nach Kräutertee mit Zitrone- oder Vanillearoma.

Konsument als Versuchstier 

Kristall oder Pulver: Designerdrogen werden häufig in Form erlaubter Produkte wie zum Beispiel Badesalz verkauft. Fotos: dpa

Was so blumig klingt, kann jedoch schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Denn harmlos ist der „legale Rausch“ nicht. Nach Informationen des Bundesgesundheitsministeriums starben seit 2010 bundesweit 20 Menschen nach Konsum der Substanzen, rund 500 Menschen wurden wegen schwerer Vergiftungen behandelt. Die körperlichen Wirkungen des Konsums reichen nach Auskunft von Experten bis hin zum Schlaganfall und Herzinfarkt. Auch psychische Veränderungen seien die Folge, darunter länger andauernde Psychosen mit Horrortrips, wie Betroffene auf Verbraucherforen berichten. Der Konsument selbst weiß in der Regel nicht, welche Inhaltsstoffe sich in den Tütchen befinden und in welcher Konzentration sie auftreten – im Endeffekt ist der Verbraucher das Versuchstier der Drogenköche. Langjährige Studien gibt es bislang nicht.

Da die genaue Zusammensetzung der Produkte nicht bekannt ist, ergeben sich unkalkulierbare Risiken. Denn die Designerdrogen werden aus einer Mischung synthetischer Stoffe hergestellt, die durch Änderung der chemischen Struktur immer neue psychoaktive Stoffe entwickeln, die nicht unter bisherige Verbote fallen. Das ist die Schwierigkeit: Die Grundsubstanzen dieser „Legal Highs“ sind zwar längst bekannt und auch verboten, doch durch die abgewandelte chemische Formel kann der Staat sie nicht von vornherein untersagen.

Das sagt die Drogenbeauftragte

Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, strebt eine europaweite Regelung an. Mit neuen Verboten will die Bundesregierung den Konsum von Designerdrogen in Deutschland bekämpfen. Aber der Kampf gegen Designerdrogen gleicht einem Wettlauf zwischen immer neu entwickelten Substanzen und dem Bemühen der Behörden, diese zu verbieten.

Erst kürzlich erlitt die Polizei erneut einen Rückschlag: Denn nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshof (BGH) fallen die Kräutermischungen nicht unter das Arzneimittelgesetz. Im vergangenen Jahr wurden laut Mortler 55 neue psychoaktive Substanzen dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. „Mit dem Entwurf der 28. Betäubungsmittelrechts-Änderungsverordnung sollen aber noch weitere Neue Psychoaktive Substanzen (NPS) dem Betäubungsmittelrecht unterstellt werden“, fügt der Pressesprecher beim Bundesministerium für Gesundheit, Andreas Deffner, hinzu. Die Verordnung werde voraussichtlich noch in diesem Jahr in Kraft treten.

Im Dezernat Chemie des Landeskriminalamtes (LKA) werden im Jahr tausende Drogenfunde analysiert: Eine Kriminal-Biologin hält eine mit Drogen versetzte Kräutermischung in der Hand. Die Kräuter führten vereinzelt bereits zum Tod. Foto: dpa

„Unabhängig davon wird derzeit innerhalb der Bundesregierung geprüft, inwiefern eine nationale Übergangsregelung sinnvoll und umsetzbar ist“, so Deffner: „Hier stellen sich komplexe naturwissenschaftliche und juristische Fragestellungen, die aufgrund unseres Rechtssystems anders zu behandeln sind als in anderen Mitgliedstaaten der EU. Die Drogenbeauftragte setzt sich dafür ein, dass eine solche Umsetzung zügig abgeschlossen werden kann. Bei einem so wichtigen Thema muss aber gelten: Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“ Neue psychoaktive Substanzen (NPS) seien eine große Herausforderung der Suchtpolitik, erklärte Deffner weiter. Denn laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs sind die deutschen Gesetze auf die neuen Drogen nicht anwendbar. Folglich kann der Handel mit den „Legal Highs“ auch nicht mehr als illegaler Verkauf bedenklicher Arzneimittel bestraft werden.

Ermittler haben damit kaum noch eine juristische Handhabe, um gegen derartige Drogen vorzugehen, denn das Betäubungsmittelgesetz greift nicht. Das Arzneimittelgesetz diente daher oft als Weg, um Täter zu bestrafen. Die Ermittler sind alarmiert und fordern eine schnelle Reaktion auf die nun entstandene Gesetzeslücke. Die Zahl der angebotenen Substanzen verdoppelte sich zwischen 2009 und 2013. Ende 2013 waren United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) bereits 348 unterschiedliche Varianten von NPS gemeldet worden.

Hintergrund: Wirkung und Suchtberatung 

„Legal Highs“ ähneln in ihrer Wirkung Substanzen wie Cannabis, Ecstasy oder Amphetamin. Eine genaue Beschreibung der Wirkung ist aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Substanzen nicht möglich.

Der Konsum ist alles andere als harmlos: Eine unabsichtliche Überdosierung ist eine der häufigsten Komplikationen. Die Symptome reichen von Erbrechen bis hin zu Ohnmacht und Wahnvorstellungen. Nach Expertenmeinung sind künstliche Cannabinoide wesentlich gefährlicher als Cannabis. Konsumenten berichteten von schweren Herz- und Kreislaufattacken. Im Jahr 2011 sorgte der Fall eines 17-jährigen Freiburgers für Schlagzeilen, der nach dem Konsum einer „Kräutermischung“ vom obersten Stock eines Parkhauses in den Tod gestürzt war.

Von Melanie Triesch

Präventionsangebote, Beratungsstellen und Sorgentelefone gibt es unter www.sucht-und-drogen-hotline.de.

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