Land und Universitäten werben um mehr Lehrer mit Migrationshintergrund

Lehrer, die Schüler verstehen

Kennt die Sorgen von Migrationskindern: Die Lehrerin Hava Kolbasi unterrichtet ausländische Schüler. Foto: dpa

Hildesheim/Göttingen. Wenn Yüksel Yedek eine Klassenfahrt betreut, fühlen sich viele Mütter mit ausländischen Wurzeln wohler. „Die wissen, dass ich ihren Kulturkreis kenne und auf den Kontakt der Mädchen mit Jungs besonders achte“, sagt die 37-jährige Lehrerin der Göttinger Heinrich-Heine-Schule. Mindestens 80 Prozent der Schüler an der Hauptschule haben einen Migrationshintergrund – wie die Lehrerin.

Das Land Niedersachsen wünscht sich mehr Lehrer wie Yedek. Auf einem Schülercampus an der Uni Hildesheim bekommen deshalb gerade 30 Schüler mit Zuwanderungsgeschichte Einblicke in den Lehrerberuf. Heute sollen die Jugendlichen, die auch polnische, tunesische, türkische und irakische Wurzeln haben, durch Gespräche mit Experten und Schulbesuchen für ein Studium begeistert werden. Mit Veranstaltungen wie dieser folgt das Land einem Aufruf der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer (CDU).

„Wir gehen davon aus, dass etwa ein Viertel aller niedersächsischen Schüler einen Migrationshintergrund haben“, sagt Ministeriumssprecherin Corinna Fischer. Der Anteil der Lehrkräfte mit ausländischen Wurzeln wird jedoch nur auf vier bis sechs Prozent geschätzt. „Tatsache ist: Es gibt zu wenig Pädagogen mit Migrationshintergrund.“ Gerade sie könnten die Situation mehrsprachiger Eltern und Kinder nachvollziehen.

Bei den Schülern der Heinrich-Heine-Schule löst der Migrationshintergrund von Lehrerin Yedek offenbar ein Zusammengehörigkeitsgefühl aus. „Sie kennen das ja“ – die Worte höre sie oft von ihren Schülern, erzählt die Lehrerin für Mathematik und Deutsch.

Zum Beispiel, wenn es um den Spagat für viele Migrantenkinder geht: Zu Hause lebten sie nach Werten eines anderen Kulturkreises. „In der Schule und in der Freizeit ist dann plötzlich alles anders“, weiß die in Hildesheim aufgewachsene Yedek aus eigener Erfahrung. Sie wurde erwachsen mit Ramadan und Opferfest sowie Weihnachten und Ostern.

Yedeks Wissen um Sprache und Kultur erleichtert auch den Kontakt zu den Eltern. Zum Beispiel beim Elternsprechtag: „Da kommen Väter und Mütter in die Schule und verstehen kein Wort. Aus Scham bleiben sie dann lieber zu Hause.“ Auch Kollegen fragten die Pädagogin oft nach Unterstützung.

Yüksel Yedek hofft in Zukunft auf mehr Kollegen mit Zuwanderungsgeschichte, die wie sie Vertraute der Schüler werden. Allerdings müssen solche Vertraute die Jugendlichen auch manchmal vor den Kopf stoßen. Die 37-Jährige berichtet von einer heftigen Diskussion: „Da waren einige Jungs der Meinung, mit 18 wird geheiratet, und dann bleibt die Frau selbstverständlich zu Hause.“ Die Lehrerin hat deutlich widersprochen. Sie präsentiert ihnen einen anderen Lebensentwurf. (epd)

Von Petra Neu

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