„Man muss Probleme benennen“

Lehrerin aus Grundschule in Frankfurter Brennpunkt berichtet

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Wie schwierig der Job an  einer Grundschule wirklich ist - das wissen nur Lehrer. Wir haben uns mit einer Grundschullehrerin unterhalten. Ein Protokoll.

Wie es an den Schulen zugeht – dafür sind die Landesregierungen zuständig. Sie steuern die Lehrerversorgung. Sie entscheiden über Hilfen bei der schulischen Integration von Flüchtlingskindern. Und sie müssen im Bildungsland Deutschland ein möglichst hohes Niveau garantieren.

Am 28. Oktober wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt. Aus diesem Anlass haben wir uns mit drei Grundschullehrerinnen in Hessen unterhalten, in Kassel, Frankfurt und Gießen. Nach dem Gespräch in Kassel protokollieren wir im folgenden unser Gespräch in Frankfurt.

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Ich bin seit vielen Jahren Grundschullehrerin - immer in derselben Schule in einem sogenannten Brennpunkt in Frankfurt. Wir haben immer stärker mit Problemen zu kämpfen, die uns Kraft rauben, die uns entmutigen. Viel schlimmer ist aber natürlich, was manche Kinder durchmachen.

Sehr viele unserer Kinder kommen aus bildungsfernen Familien: Den Eltern fehlt es an Grundlagen. Sie wissen nicht einmal oder wollen nicht wissen, dass man ein Kind ernähren muss, dass man ihm morgens etwas zu frühstücken geben muss. Manche Kinder bekommen zu Hause nichts, manche nur einen Schokoriegel. Tee? Frisches Obst? Keine Spur.

Wenn schon die halbwegs behüteten Kinder ihre Frühstücksboxen öffnen und Apfelscheiben und Brote auspacken, tun mir die vernachlässigten Kinder schrecklich leid. Zum Glück gibt es seit geraumer Zeit in Frankfurt die Arche. Da bekommen die Kinder ein kleines Frühstück und auch ein Mittagessen – und dort bekommen sie außerhalb der Schulzeit auch Aufmerksamkeit, Wertschätzung. Zu Hause bekommen sie oft das Gegenteil.

Was soll man zum Beispiel davon halten, dass sich Achtjährige selbst bei Minustemperaturen mit Schlappen und nur einer Jeans über der Pyjamahose auf den Schulweg machen?

Die Art und Weise, wie die Kinder mit Konflikten umgehen, zeigt uns, wie zu Hause gestritten wird. Sie brüllen, sie beleidigen, sie eskalieren ganz schnell. Andere wieder ziehen sich bei der kleinsten Auseinandersetzung verschreckt in ihr Schneckenhaus zurück. Wir erfahren auch oft von Gewalt, aber nie Genaues. Wenn das Jugendamt ein Kind aus der Familie nimmt, erfahren wir nicht, warum. Datenschutz.

Dass die Kinder im Unterricht kaum mitkommen und kaum eine Chance auf einen guten Bildungsweg haben, gerät bei solchen akuten Notfällen fast in den Hintergrund. Die Kinder sind – zusammengefasst – schwer verhaltensauffällig, lerngestört und weisen dramatische kognitive Defizite auf. Schon der Schuleignungstest im Frühjahr lässt uns verzweifeln.

Diese Kinder brauchten dringend professionelle Hilfe. Sie bekommen sie nicht. Zu wenig Geld, zu wenig Personal – zu wenig Anteilnahme in Ämtern und Politik. Da redet man lieber um das Problem herum. Mir mal eine Sozialarbeiterin gesagt: „Wir sprechen nicht von Problemen, wir sagen: ,Die Kinder haben Themen‘.“ Dass ich nicht lache. Das geschlagene Kind hat ein Thema!

Nicht alle, aber die meisten unserer Sorgenkinder stammen aus Migranten-Familien. Nicht alle, aber die meisten stammen aus islamischen Familien. Meine Kolleginnen und ich wissen nicht viel darüber, was laut Koran eine gute Erziehung ist. Wir wissen aber, wie unterschiedlich Muslime sind, wie verschieden die Werte sind, die sie hochhalten.

Mit den meisten kommen wir ja sehr gut klar. Bei anderen aber spüren wir schon an uns selbst, wie sehr sie Menschen mit anderen Werten, anderen Zielen, anderen Gedanken geringschätzen, vor allem, wie wenig Achtung Frauen mit europäischer Lebensweise erfahren. Manche Väter sprechen gar nicht mit uns, und die Mütter weichen in Gesprächen aus.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass der Großteil unserer Sorgenkinder aus deutschen Familien käme. Denn mich beschleicht langsam der Verdacht, dass Schulen wie unsere dann mehr von der Politik unterstützt würden.

„Stadtteile wie unserer sind der Politik offenbar nicht viel wert. Andererseits kann sie die Probleme prima verharmlosen, weil man ja nichts Schlechtes über Migranten sagen soll.“

Lehrerin

Stadtteile wie unserer sind der Politik offenbar nicht viel wert. Andererseits kann sie die Probleme prima verharmlosen, weil man ja nichts Schlechtes über Migranten sagen soll. Umgekehrt werden wir Lehrerinnen zuweilen sogar wie Nestbeschmutzer behandelt. Uns ist von Leuten aus dem Amt schon vorgeworfen worden, wir seien islamophob, rassistisch und fremdenfeindlich.

Unserer Schulleiterin sagte man, wir müssten mal mehr interkulturelle Kompetenz erwerben. Aber als in Frankfurt ein Programm mit Sozialarbeitern an Grundschulen gestartet wurde, sind zwei Schulen in stadtbekannten Brennpunkten nicht berücksichtigt worden. Auch unsere. Das muss man nicht verstehen.

Eine Frankfurter Schulleiterin, die ähnliche Sachen erlebt wie wir, ist nun von der Bundeskanzlerin eingeladen worden – und hat im Kanzleramt bei einer Gesprächsrunde extra Redezeit bekommen. Sie hat letztes Jahr im Fernsehen die Probleme angesprochen, klar und deutlich. Sie hat vor allem deutlich gemacht, dass ihr die Not der Kinder und die Zukunft der Kinder wichtiger sind als politisch korrektes Wischiwaschi und Wegschauen.

Sie hat etwas sehr Kluges gesagt: „Die Politiker und Beamten, die die Kinder im Stich lassen, weil die Probleme der Kinder nicht zu ihrer Ideologie passen, sind die wahren Chauvinisten. Denn nur wer Menschen anderer Kulturen wirklich ernst nimmt, verlangt von ihnen Verantwortungsbewusstsein.“ Eben: Man muss die Probleme benennen, um sie lösen zu können. So einfach ist das. Das versteht jeder Mensch. Leider nicht in der Schulpolitik. Was eine Lehrerin in Kassel erlebt hat, lesen Sie hier. 

Von Mark Obert

Unser nächstes Protokoll aus dem Schulalltag kommt aus einer Förderschule in Gießen.

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