Der leise Wahlkampf nach dem Attentat am Hamelner Landrat

Hameln. Der Mord an Landrat Rüdiger Butte erschütterte im April nicht nur Hameln, sondern das ganze Land. Am 22. September stellen sich vier Nachfolger zur Wahl, darunter Niedersachsens Ex-Innenminister Uwe Schünemann. Doch wie darf man nach einem Attentat Wahlkampf machen?

Hameln (dpa/lni) - Die äußerlich sichtbaren Spuren der Bluttat sind zwar längst beseitigt, doch die Erinnerung ist allgegenwärtig. Der 26. April war ein schwarzer Tag in Hameln, ein 74-jähriger Rentner lief in das Dienstzimmer von Landrat Rüdiger Butte und feuerte unvermittelt mit einer Pistole auf den beliebten SPD-Politiker. Der 63-Jährige starb an seinem Schreibtisch, der Täter erschoss sich anschließend selbst. Die äußerlich sichtbaren Spuren der Bluttat sind zwar längst beseitigt, das Arbeitszimmer des früheren Landrats ist renoviert. Doch auch wenn das grausige Geschehen im Tagesgeschäft bisweilen verdrängt wird: „Wir merken an jedem Tag, wie sehr Rüdiger Butte hier fehlt - als Chef und als Mensch“, sagt ein Mitarbeiter.

Am 22. September muss nun parallel zur Bundestagswahl ein neuer Landrat gewählt werden. Vier Kandidaten bewerben sich um die Führung des Landkreises Hameln-Pyrmont, der mit rund 150 000 Einwohnern zu den mittelgroßen in Niedersachsen gehört. Prominentester Bewerber ist Niedersachsens ehemaliger Innenminister Uwe Schünemann von der CDU. Der 49-Jährige, der im Nachbarlandkreis Holzminden lebt, sucht nach der Abwahl der CDU-geführten Landesregierung im Januar dieses Jahres eine neue berufliche Herausforderung. Als sein Hauptkonkurrent gilt der Sozialdemokrat Tjark Bartels. Der 44-Jährige Jurist ist derzeit hauptamtlicher Bürgermeister der Wedemark in der Region Hannover.

Als Schünemann im Juni von der CDU zum Landratskandidaten gekürt wurde, war die Zustimmung mit mehr als 99 Prozent überwältigend. „Wenn nicht er, wer dann?“, fragen die Christdemokraten auf ihrer Homepage herausfordernd. Auch Schünemann gibt sich zuversichtlich. „Ich bin ganz optimistisch“, sagt er. Sein Hauptthema „Wachstumsmotor Weserbergland“ komme gut an. Sein Ruf als „harter Hund“, der ihm von politischen Gegnern wegen seines Wirkens als Innenminister angeheftet wurde, störe dabei nicht.

Noch im vergangenen Jahr waren Schünemann bundespolitische Ambitionen nachgesagt worden. Dass er jetzt Landrat in der Provinz werden wolle, sei für aber kein politischer Abstieg, sagt der 49-Jährige. „Im Gegenteil: Jetzt etwas für meine Heimatregion im operativen Geschäft tun zu können, ist eine tolle Aufgabe.“

Die Vorstellung, sich möglicherweise bald im Zimmer des erschossenen Vorgängers an diese Aufgabe zu machen, löst bei Schünemann leichtes Unbehagen aus. „Das kann man nicht ausblenden.“ Auch sein SPD-Kontrahent Tjark Bartels hat sich Gedanken über die besondere Situation gemacht. „Ich glaube, dass es richtig ist, dieses Dienstzimmer wieder zu besetzen, damit es auch für alle Mitarbeiter sichtbar weitergeht.“

Schünemann und Bartels mögen sie sich nicht übereinander äußern. „Ich mache meinen Wahlkampf, er macht seinen“, sagt Bartels. Hauptthemen sind für beide die künftige wirtschaftliche Entwicklung der Region. „Die große Herausforderung ist, dass nicht nur die Einwohnerzahl sinkt, sondern zugleich die Bevölkerung im Schnitt immer älter wird“, sagt Bartels. Angesichts dieser Ausgangslage die Region voranzubringen, sei wichtig für die Bürger, findet auch Schünemann. „Mein Eindruck ist, dass die Leute sich hier mehr für die Landratswahl interessieren als für die Bundestagswahl, die am gleichen Tag stattfindet.“

Einen „Plan B“ für den Fall, dass sie nicht gewählt werden, haben beide Kontrahenten nicht. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich es nicht schaffe“, sagt Schünemann. „Es klappt“, glaubt Bartels. (lni)

Rubriklistenbild: © dpa

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