1. Startseite
  2. Politik

Nach Klima-Protesten verhaftet: „Ich würde es in Kauf nehmen, überfahren zu werden“

Erstellt:

Von: Nail Akkoyun

Kommentare

Metzeler-Kick (48) beteiligt sich an Klima-Protesten der Letzten Generation – und saß dafür bereits im Gefängnis.
Metzeler-Kick (48) beteiligt sich an Klima-Protesten der Letzten Generation – und saß dafür bereits im Gefängnis. © Presse und Medienarbeit Letzte Generation

In einem Interview spricht ein Aktivist der Letzten Generation über den Klimawandel, die Methoden der Demonstrierenden und seine persönlichen Beweggründe.

Frankfurt/München – Herr Metzeler-Kick ist Aktivist bei der Letzten Generation, zuvor engagierte er sich schon in der Klimabewegung Scientist Rebellion. Anfang Dezember wurde der Umweltingenieur nahe München verhaftet – allerdings nicht zum ersten Mal. Im Interview erklärt der 48-Jährige seine Beweggründe und warum die Methoden der Letzten Generation in seinen Augen nötig sind.

Herr Metzeler-Kick, Sie saßen bis zum 21. Dezember in der JVA Stadelheim ein. Wann und warum wurden Sie verhaftet?

Das war am 6. Dezember, an Nikolaus. Das war aufgrund einer Straßenblockade an der Autobahnausfahrt der A96 am Mittleren Ring in München. Der Tatvorwurf war Nötigung.

Und wie kamen Sie zur Letzten Generation?

Ich bin Umweltingenieur, das ist schon lange mein Weg. Die Entscheidung, aktiv zu werden, liegt also nicht kurzfristig zurück. Und je mehr man sich mit der Thematik beschäftigt, desto dramatischer ist es. Man hört „Klimakrise“, das klingt recht nett, aber an und für sich ist die Situation, in der wir uns befinden, mehr als dramatisch. Der 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats gibt zwar noch einen Emissionspfad an, bei dem das Einhalten des 1,5°C-Ziels möglich gewesen wäre – aber der hätte bereits 2019 beschritten werden müssen.

Als dieser besagte Sachstandbericht veröffentlicht wurde, hatte ich Corona – und viel Zeit zum Lesen. Ich hatte mir das angeguckt, und eine Grafik [Box SPM1, Anmerkung der Red.] war besonders niederschmetternd. Wenige Zeit später erfuhr ich von dem Hungerstreik der Letzten Generation und dachte mir, die Situation ist wirklich so dramatisch, dass es angemessen ist, öffentlich zu verhungern, um darauf aufmerksam zu machen. So sehe ich das auch heute, wenn ich auf einer Straßenblockade bin: Ich würde es in Kauf nehmen, überfahren zu werden, denn das ist wenigstens ein relativ schneller Tod.

Halten Sie Proteste dieser Art für zielführend?

Wir sind auf dem Weg in die absolute Vollkatastrophe. Wenn der Zeitpunkt kommt, an dem auch ich einsehen muss, dass es jetzt zu spät ist, muss ich mir den Schmarrn halt anschauen. Aber heute ist es noch nicht zu spät und es wäre wahnsinnig, wenn ich mit meinem Wissen mir das nur anschauen würde. Guckt euch doch an, was die Wissenschaft euch sagt. Das sind nicht irgendwelche Leute, das ist der Weltklimarat.

Doch während die Letzte Generation protestiert, sperrt die öffentliche Hand sie ein. Wie soll so ein gemeinsamer Dialog im Kampf gegen den Klimawandel entstehen?

Es ist doch so: Es kommt ein Bote, und der Bote wird erschossen. Und jetzt wird gefragt, wie könnte der Bote kommen, um nicht erschossen zu werden. 

Bürgerinnen und Bürger, die im Stau stehen oder ihre Flüge verpassen, können die Lust daran verlieren, etwas gegen den Klimawandel zu tun, weil sie den Protest der Letzten Generation nicht gutheißen oder verstehen.

Aber was gibt es für eine bessere Möglichkeit? Wir haben aktuell ein minimales Zeitfenster von vielleicht noch ein, zwei Jahren. Wir hinken vier Jahre hinter dem Plan des Weltklimarats hinterher, um das 1,5-Grad-Ziel von Paris einhalten zu können. Wenn man unsere Methoden diskutiert, sollte man gleichzeitig betrachten, warum diese Methoden ergriffen werden. Wir müssen nun mal Klartext reden und wie sollen wir das machen, sodass wir dabei noch gemocht werden?

Wurden Sie denn von Menschen angegangen, die Sie nicht mögen?

Die extremste Situation, die ich hatte, war als in Berlin ein Mensch mit einem Messer vor mir stand. Ich hab mich dann hingekniet und gesagt, „Tut mir leid, Kollege. Du wirst mich jetzt abstechen müssen“. 

Sprechen wir doch nochmal über ihre Zeit im Gefängnis. Auf was für Menschen trafen Sie dort?

Ich war dreimal in Gewahrsam in der JVA Stadelheim. Das erste Mal mit Scientist Rebellion, damals hatte ich auch mehr Kontakt zu restlichen Gefangenen. Ansonsten ist der Kontakt aber eher eingeschränkt. Es wird da eine strikte Trennung durchgeführt und es ist eher schwierig, mit anderen Insassen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht auch, damit Untersuchungshäftlinge schwieriger Nachrichten nach außen weitergeben können.

Und wie wurden Sie behandelt?

Gut. Denn wenn man sich die Situation im Iran oder in Russland anschaut … Ich meine, in der JVA Stadelheim gibt es sogar vegane Kost. Wir als Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland sind wahnsinnig privilegiert. Dieses Privileg müssen wir nutzen, um mitzuteilen, „Hey Regierung, da was aktuell passiert, ist der absolute Bruch mit dem Grundgesetz“. Ich rede von Artikel 2, Absatz 2: dem auf Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Sie werden also weiterhin auf die Straßen gehen?

Ja, als Nächstes werde ich mich nach Lützerath begeben. 

Wie ist die Stimmung innerhalb der Letzten Generation: Glaubt man daran, dass sich schlussendlich etwas ändern wird?

Ich kann da nur für mich sprechen und muss sagen, selbst wenn es nicht funktionieren sollte, dann wäre es immer noch das Beste, was ich Moment machen kann, denn Nichtstun wäre unerträglich.

Interview: Nail Akkoyun

Auch interessant

Kommentare