Verwirrung um libyschen Regierungschef: Rücktritt?

+
Abdullah al-Thinni, Ministerpräsident der international anerkannten Regierung Libyens, will sein Amt aufgeben. Foto: Mohamed Messara/Archiv

Tripolis (dpa) - Verwirrung um den libyschen Regierungschef: Nach einer angeblichen Rücktrittsankündigung in einem hitzigen TV-Interview rudert Ministerpräsident Abdullah al-Thinni nun zurück.

Wie die Zeitung "Libya Herald" am Mittwoch berichtete, habe Al-Thinni nach Angaben seines Regierungssprechers lediglich gesagt, er könne zurücktreten, wenn man jemand anderen finde, der die Probleme in dem Bürgerkriegsland löse. Tatsächlich hatte der Ministerpräsident in dem Interview auf die Frage, ob er bei Protesten gegen ihn zurücktreten werde, mit den Worten geantwortet: "Wenn es die Lösung ist, dass wir gehen, dann gebe ich es hier live auf Sendung bekannt. Ich biete meinen Rücktritt an."

Das Blatt hatte daraufhin zunächst von einem "unerwarteten Schritt" und einer "überraschenden Entscheidung" gesprochen, obwohl Al-Thinni wiederholt mit ausländischen Besuchern über einen Rücktritt gesprochen hatte. Im April hatte er öffentlich verkündet, dass er nicht Regierungschef sein wolle, hieß es weiter.

Al-Thinni ist Ministerpräsident der international anerkannten Regierung Libyens. Seit dem Sturz von Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 ist Libyen nicht zur Ruhe gekommen und wird von einem Bürgerkrieg rivalisierender Milizen zerrissen. Zudem konkurrieren zwei Abgeordnetenhäuser miteinander: Neben der Kammer in Tobruk hat sich ein Gegenparlament in Tripolis gebildet. Dieses wird von Islamisten dominiert. Das Chaos in dem ölreichen Land machen sich Extremisten zunutze, darunter die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Noch am Dienstag hatten die Vereinten Nationen erklärt, sie hofften auf eine Lösung zur Beendigung des Bürgerkriegs bis zur UN-Generalversammlung im September. "Dies wäre ideal, aber es handelt sich um einen sehr komplexen Prozess mit vielen Akteuren und Herausforderungen", sagte der UN-Sonderbeauftragte für Libyen, Bernardino León, in Genf. Im Fall des Scheiterns drohe ein Spaltung des Landes.

In Genf sollen in den nächsten Tagen die Friedensgespräche zwischen den verfeindeten Parteien fortgesetzt werden. Dieses Mal nehmen auch Vertreter des islamistischen Gegenparlaments in Tripolis teil. In den aktuellen Verhandlungen geht es um wichtige Details des Friedensplans, auf den sich fast alle Parteien im Juli geeinigt hatten.

So soll eine Lösung zur Frage der Besetzung des Regierungschefs und seiner zwei Stellvertreter gefunden werden. Es gelte vor allem, einen Vertrag zu erarbeiten, der auch von den militanten Akteuren in Libyen akzeptiert werden könne, sagte León.

Über Libyen versuchen auch Zehntausende Menschen, auf der Flucht vor Krieg und Armut nach Europa zu gelangen. Immer wieder werden Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet, aber viele kommen auch ums Leben.

Libya Herald, Englisch

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.