„Müssen alles tun, um zu deeskalieren“

Litauens Botschafter in Deutschland:Moskaus Vorgehen ist inakzeptabel

Litauen, das seit 2004 Mitglied von Nato und EU ist, hat einen schmerzlichen Freiheitsprozess hinter sich. Wir sprachen mit dem litauischen Botschafter Deividas Matulionis darüber, wie er den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine einschätzt und welche Lösungswege er sieht.

Litauen und Polen haben um eine Nato-Sondersitzung gebeten, weil man die Sicherheit bedroht sieht. Wie sehr befürchtet Ihr Land, dass sich der Konflikt um die Ukraine ausweitet? 

Matulionis: Zurzeit gibt es keine Hinweise auf eine Ausweitung. Aber selbstverständlich verurteilen und protestieren wir gegen die Invasion und Okkupation eines Teils des souveränen Landes der Ukraine. Uns beunruhigen auch die zunehmenden militärischen Aktivitäten im Westen Russlands und auch in der Ostsee und dem Kaliningrad-Gebiet. Daher hatten wir um die Konsultationen bei der Nato gebeten.

Litauen selbst hat einen steinigen Weg in die Freiheit zurücklegen müssen. Fühlen Sie sich wieder daran erinnert? 

Matulionis: Natürlich erinnert uns das an die Ereignisse vor 23 Jahren, am 13. Januar 1991. Es war wie jetzt auf der Krim: Zusätzliche Einheiten waren eingesetzt. Damals waren die sowjetischen Streitkräfte in Litauen. Wir verfolgten in diesen Tagen auch die zunehmenden Aktivitäten der Streitkräfte. Unseren Schätzungen nach, war eine militärische Basis in Vilnius auf bis zu 100.000 Soldaten erweitert worden. Am 13. Januar haben dann die Alfa-Spezialeinheiten die wichtigsten Gebäude angegriffen. Dann wollte die UdSSR die prosowjetischen Kräfte an die Macht bringen, was aber letztlich scheiterte.

Kann man daraus etwas für den jetzigen Konflikt lernen? 

Matulionis: Die historische Situation war anders, auch die Ursachen. Der wichtigste Grundsatz im Völkerrecht sollte aber der bedingungslose Respekt für die Souveränität und territoriale Integrität sein. Deshalb sind wir auch so aktiv in diesem Zusammenhang. Es ist daher völlig inakzeptabel, was auf der Krim vorgeht.

Wie sollte denn der Westen reagieren, um Präsident Putin zum Einlenken zu bewegen? 

Matulionis: Ich hoffe noch auf die diplomatische Lösung. Ich hoffe auf eine internationale Vermittlergruppe, die mit den Russen spricht. Schon jetzt ist Russland völlig isoliert, und das kann nicht den Interessen Russlands entsprechen.

Wären Boykottmaßnahmen sinnvoll? 

Matulionis: Man kann das nicht ausschließen. Alle Möglichkeiten sind offen, aber die EU muss eine gemeinsame Entscheidung finden.

Hat der Westen in der Ukraine zu einseitig das Gespräch mit der Opposition gesucht? 

Matulionis: Nach meiner Einschätzung hat der Westen keinen Fehler gemacht. Er hat sogar auch in der schwierigen Zeit, als es nahe am Bürgerkrieg war, diplomatisch gehandelt. Ich sehe da keine Schuld.

Könnte es sein, dass sich die Ukraine spaltet? 

Matulionis: Wir, die Europäische Union und Russland, müssen alles tun, um diese Spaltung zu vermeiden. Es ist auch im Interesse Russlands, ein starkes, freundliches Land als Nachbarn zu haben. Wir müssen also mit Russland sprechen. Aber das geht nicht auf Kosten eines Assoziierungsabkommens.

Glauben Sie, dass die Krim geopfert wird, damit Moskau einem EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine zustimmt? 

Matulionis:  Das wäre eine der schlechtesten Entwicklungen überhaupt. Die Krim ist Teil der Ukraine. Jetzt müssen wir diplomatisch alles tun, um zu deeskalieren.

Von Ullrich Riedler

Rubriklistenbild: © AFP

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.