Stuntreife Ganoven

Lkw-Beutezug bei Vollgas: 50 Verdachtsfälle in NRW

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Angriff auf einen Lkw in voller Fahrt: Dieses mit einem Nachtsichtgerät gedrehte Video, das rumänische Polizisten gefertigt haben sollen, kursiert im Internet. Im roten Kreis: Von der Motorhaube aus versucht ein Täter, die Ladetür zu knacken.

Kassel. Die spektakuläre Plünderung eines fahrenden Lkw auf der A 44 irgendwo zwischen Ruhrgebiet und Kassel ist kein Einzelfall gewesen. Ermittler in NRW suchen bereits seit mehr als einem Jahr erfolglos nach dreisten Ganoven, die ihre Beute aus fahrenden Lastwagen stehlen.

Die Autobahn-Piraten könnten für etwa ähnliche 50 Fälle verantwortlich sein, hieß es gestern von der Dortmunder Staatsanwaltschaft und einer Polizeisprecherin. Spuren zu konkreten Verdächtigen gebe es aber nach wie vor nicht.

Der Fall, den ein Lkw-Fahrer über Notruf am Dienstagmorgen bei der Kasseler Polizei meldete, dürfte wie im Actionfilm gelaufen sein. Der 46-Jährige war am Abend zuvor mit dem Truck einer tschechischen Spedition in Waalwijk (Niederlande) gestartet. An Bord auch sieben Paletten mit hochwertigen Elektronik-Artikeln, darunter Hunderte Apple-Geräte.

Irgendwo auf der A 44 zwischen Schwerte und Kassel, so bisherige Ermittlungen, müssen die Täter bei voller Fahrt zugeschlagen haben. Die Polizei spricht von einem lebensgefährlichen Manöver. Nach Erkenntnissen der Ermittler gehen spezialisierte Banden stets ähnlich vor: Sie klemmen sich meist mitten in der Nacht, wenn wenig los ist, mit größeren Geländewagen direkt hinter den Truck.

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Aus dem Seitenfenster oder durch das Schiebedach klettern die Täter dann über die Motorhaube ihres Wagens an die Rückfront des Lkw heran. Der Laderaum wird aufgebrochen oder aufgeflext, dann wandert die Beute direkt ab Laderaum-Palette von Hand zu Hand nach hinten ins Lkw-Knacker-Auto zurück.

Laut Staatsanwaltschaft Dortmund arbeiten die Banden in der verfeinerten Methode mit drei Autos: Das erste setzt sich vor den Lkw und bestimmt das Tempo, ein zweites schirmt den Konvoi nach hinten ab. Das dritte klemmt sich hinter den Beute-Lkw.

Die Beute im Kasseler Fall: 125 iPads, vier iPad mini, vermutlich 30 iPhones und zwei Apple-Keyboards im Wert von 70 000 Euro. Die gesamte Aktion dauert laut Polizei in der Regel nur wenige Minuten. Die Lkw-Fahrer bemerken nichts, weil der Geländewagen im Windschatten des Lasters fahre und von dessen Außenspiegeln nicht erfasst werde. Im Internet kursiert ein Video aus Rumänien, aufgenommen angeblich von der Polizei vermutlich aus einem Hubschrauber, welches das halsbrecherische Manöver zeigt.

Die Suche nach Tätern der Lkw-Plünderung bei Vollgas ist kompliziert: Der Tatort sei kaum zu bestimmen, Zeugen für die Raubzüge seien so nur schwer zu finden, heißt es in Dortmund und Kassel. Die Logistikbranche nennt Ladungsdiebstahl allgemein einen lukrativen Geschäftszweig des international organisierten Verbrechens. Zwei Drittel der Übergriffe basierten auf Insiderinfos auch direkt aus Speditionen, zitierte das Fachblatt Eurotransport Sicherheitsexperten schon 2011. 

Von Wolfgang Riek 

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