Ab heute Petersburger Dialog in Kassel

Lothar de Maizière im HNA-Interview: „Es fehlt die Erfahrung der Aufklärung“

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Lothar de Maizière

In Kassel tagt ab heute der Petersburger Dialog, ein Diskussionsforum, das dem besseren Verständnis von Russen und Deutschen dienen soll. Darüber sprachen wir mit Lothar de Maizière (73), einem der beiden Vorsitzenden des Dialogs und letzten DDR-Ministerpräsidenten.

Herr de Maizière, Sie sind Jahrgang 1940 – können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Russland oder den Russen erinnern?

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Lothar de Maizière: Wir lebten 1945 in Nordhausen am Harz, wo die Amerikaner im September abzogen und die Russen nachrückten. Sie kamen mit Panjewagen, gezogen von kleinen, zotteligen Pferden. Und die Mäntel der Soldaten hatten keinen Saum, sondern waren je nach Länge des Soldaten abgeschnitten worden. Zu uns Kindern waren die Russen ganz reizend. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass mein Großvater, der in der Bekennenden Kirche war, von den Amerikanern zum Stadtrat für Soziales und Bildung gemacht wurde, was den Russen reichte, ihn erst einmal ins Gefängnis zu stecken.

Wie kam es später zum Interesse an Russland? 

Maizière: Vor allem über die Kultur. Ich bin ein glühender Verehrer von Schostakowitsch. Ich habe seine Streichquartette gespielt und einen Teil seiner Sinfoniekonzerte. Auch russische Literatur und Filme haben mich geprägt.

Eine Umfrage des Petersburger Dialogs hat ergeben, dass die Russen uns trotz Hitler positiver sehen als wir sie. Und dass die Ostdeutschen, obwohl sie von den Sowjets jahrzehntelang besetzt waren, Russland positiver sehen als die Westdeutschen. Wie kommt das? 

Maizière: Das liegt an den Erfahrungen des Westens während des Kalten Krieges: Berlin-Blockade, Chruschtschow-Ultimatum, die Befürchtung „Die Russen kommen“. Der Antikommunismus im Westen ist eben sehr stark prägend gewesen, zum Teil bis heute.

In der DDR gab es vielfältige Kontakte in die Sowjetunion. Waren das nur offizielle formale Kontakte, oder waren sie auch mit Leben gefüllt? 

Hintergrund: Der Petersburger Dialog

Der Petersburger Dialog wurde 2001 vom russischen Präsidenten Putin und Bundeskanzler Schröder als offenes Diskussionsforum ins Leben gerufen und fördert die Verständigung zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder. Er steht unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Kanzlers und des russischen Präsidenten und findet einmal jährlich – abwechselnd in Deutschland und in Russland – statt, zumeist parallel zu den regelmäßigen Regierungskonsultationen. Da die Regierungsbildung in Deutschland noch nicht abgeschlossen ist, tagt heute und morgen nur der Petersburger Dialog , diesmal in Kassel. Vorsitzende des Lenkungsausschusses sind Lothar de Maizière und Wiktor Subkow, Aufsichtsratsvorsitzender von Gazprom und bis Mai 2012 Vize-Regierungschef.

www.petersburger-dialog.de

Maizière: 22 000 DDR-Bürger haben zum Beispiel in Russland studiert, da sind vielfältige Freundschaften entstanden.

Andererseits lebten die russischen Soldaten in Ostdeutschland immer sehr isoliert. Auf sowjetischer Seite fürchtete man zu enge Verbindungen. Als Anwalt habe ich zweimal versucht, russische Soldaten dingfest zu machen, die Kinder mit deutschen Frauen hatten. Dann hieß es immer: Den Soldaten gibt es hier nicht. Die wurden sofort in die Heimat zurückgeschickt. In Ostdeutschland sind die Russen immer - im Gegensatz zu den Amerikaner im Westen - vor allem als Besatzungsmacht wahrgenommen worden.

Das deutsch-russische Verhältnis hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges erheblich verbessert. Man konnte zuletzt aber den Eindruck gewinnen, das Verhältnis kühle sich wieder ab. Woran liegt das? 

Maizière: Wir erwarten von den Russen, dass sie werden wie wir und dass sie eine Demokratie aufbauen wie bei uns. Aber das entspricht nicht ihrer Tradition und Mentalität. Den Russen fehlen einfach die Erfahrungen von Renaissance und Aufklärung. Sie sind seit Jahrhunderten mit autoritären Strukturen groß geworden. Michail Gorbatschow sagt uns immer: „Wir probieren Demokratie doch erst seit 25 Jahren. Ihr hattet 200 Jahren Zeit und habt dabei auch herbe Rückschläge erlitten.“

Russlands Bild wird heute stark von der Figur Wladimir Putin geprägt. Ist er das Problem? 

Maizière: Er macht die Beziehungen gegenwärtig zumindest nicht leichter. Aber wir müssen akzeptieren, dass er von einer klaren Mehrheit gewählt worden ist, trotz mancher Schummeleien. Meine jüngste Tochter lebte zwei Jahre in Moskau und fragte einmal einen russischen Kolchosvorsitzenden und Intellektuellen, warum er Putin gewählt habe. Antwort: „Wir müssen endlich wieder wissen, wem wir gehorchen müssen.“ Viele Russen denken so.

Wie soll der Westen etwa im Bereich der Menschenrechte mit Russland umgeben? 

Maizière: Ich bin dagegen, Moskau öffentlich vorzuführen, sondern plädiere für „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Wer die Russen schulmeistert, wird schnell feststellen, dass sie dann auf stur schalten.

Gegenüber der Ukraine hat man in den vergangenen Wochen den Eindruck gehabt, hier setzten die Russen kalt ihre Interessen durch. Stimmt der Eindruck? 

Maizière: Nur bedingt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die West-Ukraine immer europäisch orientiert war, die Ost-Ukraine sich aber immer an Russland angelehnt hat. Ein Assoziierungsabkommen mit der EU, das wirtschaftliche Verbindungen zu Russland kappt, hätte massiv russische Interessen berührt.

Waren die barschen Töne der EU also überzogen? 

Maizière: Zumindest sollte bedacht werden, dass wir es in Osteuropa mit souveränen Staaten zu tun haben, denen nicht Moskau, aber auch nicht die EU in die Politik reinreden sollte. Zumal man russische Empfindlichkeiten berücksichtigen sollte: Sie hatten ja mal nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Zusage, die Nato würde an der Oder haltmachen. Tatsächlich steht die Nato jetzt vor ihrer Haustür. Ähnliches gilt für die EU.

In Kassel soll über „Soziale und politische Rechte als Bedingung für eine freie Gesellschaft“ debattiert werden. Ist das eine Fragestellung, die nur in Richtung Russland diskutiert werden muss? 

Maiziere: Überhaupt nicht. Dieses Thema war sogar ein Vorschlag der Russen, was vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Heute kann man Defizite beiderseits viel offener benennen. Zumal es nicht nur die bürgerlichen Menschenrechte gibt, sondern auch soziale und wirtschaftliche. Für die Russen ist sehr viel wichtiger als für uns, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf haben, dass sie satt werden, eine vernünftige Gesundheitsversorgung haben und zur Schule gehen können.

Von Wolfgang Blieffert

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