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Mehr Glücksspiel durch Inflation? „Die steigende Sorge der Menschen birgt eine sehr große Gefahr“

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Von: Andreas Schmid

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Drei 50-Euro-Scheine liegen auf einem Spielautomat mit der Aufschrift „Einsatz - Risiko“.
Mehr Risiko? Mehr Einsatz? Wie verändert sich das Spielverhalten der Menschen in Krisenzeiten? © Bernd Thissen/picture alliance/dpa

Glücksspiele sind ein „verlockendes“ Mittel, schnell an Geld zu kommen. So suggeriert es zumindest die Werbung. Die Realität ist oft eine andere - besonders in Inflationszeiten?

München - Aufgrund steigender Inflation und in die Höhe schnellenden Energiepreisen haben die Deutschen immer weniger Geld im Portemonnaie. Gleichzeitig erzielt die Glücksspielindustrie hohe Gewinne. Setzen Zocker in Krisenzeiten höhere Summen, um Inflationsverluste auszugleichen? Getreu dem Motto: „Irgendwo muss das Geld ja herkommen“? Suchberatungen sehen in steigenden Preisen bereits Gefahren für Wettsüchtige. Ein potenzieller Strudel in den endgültigen finanziellen Ruin. Wissenschaft und Landessuchtstellen scheinen hingegen überfragt.

Mehr Glücksspiel durch Inflation? Verband warnt vor „sehr großer Gefahr“

Der Bundesverband Selbsthilfe Glücksspielsucht fällt auf Anfrage von IPPEN.MEDIA ein klares Urteil. „Die steigende Sorge von vielen Menschen, ihren Lebensunterhalt durch die stark steigenden Energie- und Lebensmittelpreise nicht mehr schultern zu können, birgt eine sehr große Gefahr.“ In finanziell unsicheren Zeiten seien die Spieler „immer getrieben von der Aussicht auf den einen großen Gewinn, der einem dann alle finanziellen Sorgen nimmt“.

Diese Ausgangslage könnte auch Menschen, die bisher nicht oder kaum Sportwetten abgeschlossen oder Lotto gespielt haben, zum Glücksspiel verleiten. Bei ohnehin suchtanfälligen sowie süchtigen Menschen sei die Inflation doppelt gefährlich, heißt es von dem Verein, in dem auch frühere Wettsüchtige ehrenamtlich arbeiten. Dennoch agiere jeder Spieler individuell.

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Steigende Lebenshaltungskosten scheinen bei Vielspielern nicht zwingend an das eigene Spielverhalten angepasst zu werden. „Sich vergrößernde Sorgen, speziell in finanzieller Hinsicht, haben uns allesamt während unserer ‚aktiven‘ Zeit nicht davon abgehalten, weiter spielen zu gehen“, sagt Timo Nobis, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. „Egal, ob die Inflation zu dem Zeitpunkt gerade niedrig oder wie jetzt galoppierend ausgeprägt war.“

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind derzeit rund 430.000 Menschen in Deutschland von einem problematischen Glücksspielverhalten oder einer Glücksspielsucht betroffen. Betroffene fallen oft mit pathologischem Glücksspielverhalten auf. Darunter versteht man das exzessive Glücksspiel, das laut Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist:

Wenn nicht mehr genügend Geld zum Spielen vorhanden ist, werde sich häufig Geld geliehen, erklärt ein Ministeriumssprecher. „Dabei wird oftmals gelogen, um das wahre Ausmaß der Glücksspielprobleme zu verschleiern. In Einzelfällen kann es auch zu illegalen Handlungen kommen, um an Geld für das Glücksspiel zu gelangen.“ Ob diese Gefahren in Inflationszeiten verstärkt drohen, könne der Freistaat aufgrund der dünnen Datenlage nicht sagen.

Der Landessuchtstelle Mecklenburg-Vorpommern liegen ebenfalls keine Zahlen vor, im Norden Deutschlands geht man allerdings von einem Anstieg bei Glücksspiel und Sportwetten im Online-Bereich aus. Das sei jetzt schon erkennbar, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilt. „Leider erhoffen sich gerade Menschen mit geringen Einkommen, dass sie durch einen Gewinn an das große Geld kommen.“

Mehr Glücksspiel durch Inflation? Island-Studie sieht „verlockendes“ Spielverhalten in Krisenzeiten

Wissenschaftliche Studien zum Thema gibt es kaum. Eine Arbeit aus Großbritannien legte im September den Schluss nahe, dass steigende Lebenshaltungskosten vor allem Frauen zum Glücksspiel verleiten könnten. Der Glücksspielforscher Tobias Hayer von der Universität Bremen verweist auf Anfrage von IPPEN.MEDIA auf Studien aus Island. Dort habe es während der Rezession 2008 Verschiebungen der Glücksspielaktivitäten auf Bevölkerungsebene gegeben, erklärt der Diplom-Psychologe.

In der Studie, an der die Uni Bremen mitgearbeit hat, heißt es: „Diejenigen, die über finanzielle Schwierigkeiten aufgrund der Rezession berichteten, kauften mit größerer Wahrscheinlichkeit eher Lotto- oder Rubbellose als diejenigen, die nicht von der Krise betroffen waren.“ Hayers Fazit: „Offenbar wirken die in Aussicht gestellten Millionengewinne beim Lotto in derartigen Krisenzeiten noch verlockender als ohnehin schon.“

Glücksspiel in Krisenzeiten: Island-Trend auch in Deutschland?

In Deutschland sei ein solcher Trend ebenfalls möglich. Allerdings beobachten offizielle Stellen der Bundesländer noch keine spürbaren Auswirkungen der Inflation auf das Glücksspielverhalten. Auf Anfrage von IPPEN.MEDIA an alle Landesstellen für Suchtberatung konnte kein Bundesland konkrete Zahlen nennen.

Hayer meint: „Zumindest ist einer ähnlicher Trend bei den Lotterien nicht auszuschließen. Hierzulande erzielte der Deutsche Lotto- und Totoblock mit seinen Angeboten während der Pandemie bereits ein leichtes Umsatzplus.“ Die Sportwettenbranche feierte derweil einen Rekordgewinn. Auch mit Blick auf die im November startende Fußball-Weltmeisterschaft könnte es daher auch in diesem Bereich zu Mehreinnahmen kommen. Trotz Inflation. (as)

Glücksspielsüchtig?

Betroffene sowie Angehörige finden Unterstützung im Internet auf den Seiten check-dein-spiel.de, .gluecksspielfrei.de., gluecksspielsucht-selbsthilfe.de oder bei sowie bei den Landesstelle für Suchtfragen. Kontakte und Anlaufstellen finden Sie unter Landesstelle für dhs.de/die-dhs/landesstellen.

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