Interview

Ökonomin sieht im Fachkräftemangel Chance für attraktivere Arbeitsbedingungen

Kassel. Am Mittwoch treffen sich in Kassel Betriebsräte der Gewerkschaft Verdi zur Betriebsrätekonferenz. Wir sprachen vorab mit der Bremer Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Mechthild Schrooten.

Kernthema des Gesprächs war: Wirtschaftswachstum versus Arbeitsbedingungen in der Dienstleistungsbranche.

Frau Schrooten, die derzeitige gute wirtschaftliche Entwicklung kommt bei vielen Menschen nicht an, gerade auch im Handel, meinen Sie das so?

Mechthild Schrooten: Ja, für viele Menschen hat sich die Situation nicht nachhaltig verbessert. Und das ist neu. Das Erfolgsrezept der alten Bundesrepublik war, dass bei einer positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung viele partizipieren konnten. Jetzt haben wir ein steigendes Bruttoinlandsprodukt, die Arbeitslosenquote sinkt, aber die Ungleichverteilung wächst.

Welche Bereiche sind davon besonders betroffen?

Schrooten: Der Dienstleistungsbereich insgesamt. Hier ist die Lohnentwicklung über viele Jahre sehr schwach gewesen.

Woran liegt das?

Schrooten: Ein Grund ist, dass die Produktivität schwerer zu messen ist als beispielsweise in der Industrie, wo am Ende ein Produkt entsteht. Dazu kommt, dass die Arbeiten im Dienstleistungssektor oftmals nicht die gesellschaftliche Wertschätzung erfahren, die ihnen zusteht. Denken Sie etwa an die Erziehungs- und Pflegeberufe, aber auch den Handel.

Wie kann man das ändern?

Schrooten: Die Lohnforderungen müssen grundsätzlich mindestens in Höhe der gesamtgesellschaftlichen Produktivitätsrate liegen, denn daran sind die Menschen in diesem Sektor ja beteiligt. Selbst dann brauchte dieser Sektor noch lange, um gegenüber anderen Arbeitnehmern aufzuholen. Hier ist deutlich Luft nach oben.

Zum Vergleich: Die Eigenkapitalrenditen des Unternehmenssektors liegen seit Jahren im zweistelligen Bereich. Das alte Argument der Arbeitgeberseite, dass steigende Löhne steigende Arbeitslosigkeit nach sich ziehen, stimmt nicht. Es ist Zeit für kräftige Lohnerhöhungen, denn wer will tatsächlich mit einer dauerhaft steigenden Ungleichheit leben?

Einkommen ist wichtig, aber geht es nur darum?

Schrooten: Natürlich gehört auch die Debatte um Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten dazu. Beim Fachkräftemangel kommen auch hausgemachte Probleme ins Spiel. Die Arbeitsverdichtung der letzten Jahre ist im Dienstleistungssektor sehr hoch. Beschäftigte können nicht nur als Mittel zum Zweck der Profitmaximierung angesehen werden. Die Arbeitgeberseite registriert durchaus, dass neben dem Einkommen auch Arbeitsbedingungen eine Rolle spielen.

Was heißt das für die Arbeitgeber?

Schrooten: Sie erkennen in einigen Bereichen durchaus schon, dass wir in einer historischen Situation sind, in der sie die Beschäftigten mitnehmen müssen. Tragfähige Lösungen für die Vereinbarkeit von Alltagsleben und Beruf müssen gefunden werden.

Können Sie das etwas konkreter sagen?

Schrooten: Es kann nicht darum gehen, dass Flexibilität bei der Arbeitszeit nur der Arbeitgeberseite nutzt, wenn es um Spitzenlasten geht. Es geht auch darum, eine Flexibilität im Lebensarbeitszyklus zu erreichen. Um Zeit für die Familie und das Leben. Und das betrifft auch Männer, die heute zunehmend Wert darauf legen, eine Familienpause einzulegen. Das ist die Folge eines sehr langen gesellschaftlichen Prozesses.

Wird da nicht schon etwas getan, auch vom Staat, etwa durch das Elterngeld?

Schrooten: Alles ist gut, was dazu beiträgt, auch neue Lebensentwürfe zu ermöglichen. Es muss und kann ja nicht jeder einen Betriebskindergarten anbieten, aber die gesellschaftliche Debatte muss aufgenommen werden. Junge Menschen heute haben ganz klare Präferenzen, nicht nur Karriere, sondern Karriere, Familie und das Leben sind wichtig. Das heißt beispielsweise, es geht nicht nur um Kinderbetreuung, sondern auch um Zeit für das Familienleben, also Zeit, die man gemeinsam verbringen kann.

Im Dienstleistungssektor sind hauptsächlich Frauen tätig, die oft nur Teilzeit oder in Minijobs arbeiten. Wo sehen Sie da Änderungsbedarf?

Schrooten: Wer heute wenig verdient, hat später eine geringe Rente. Die persönlichen und gesellschaftlichen Kosten dafür sind immens. Früher haben sich Frauen oft darauf verlassen, über das Einkommen und gegebenenfalls die Rente des Partners versorgt zu sein. Dieses Modell ist längst nicht mehr tragfähig.

Was geben Sie den Betriebsräten heute mit auf den Weg angesichts der Tatsache, dass viele Arbeitgeber die Tarifbindung aufkündigen? 

Schrooten: Auch die Arbeitgeber, die sich aus der Tarifbindung verabschieden, werden nicht darum herum kommen, attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Arbeitsmarkt eindeutig von der Arbeitgeberseite dominiert wurde. Mit dem Fachkräftemangel steigt die Macht der Beschäftigten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.