Rating-Agenturen können über das Schicksal von Staaten entscheiden

Mächtige Richter am Markt

Wer ist überhaupt Standard & Poor’s?“ - die genervte Frage des EU-Kommissionssprechers Amadeu Altafaj Tardio dürften sich gerade viele Menschen stellen. Denn in den vergangenen Tagen wurde klar, dass Rating-Agenturen mit ihren Einschätzungen den Weltfinanzmarkt in Schockzustand versetzen können. Aber kaum jemand weiß, wie die heimlichen Herrscher der Finanzwelt arbeiten.

Ratingagenturen leben davon, dass sie die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten bewerten. Sie schätzen also die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein Kreditgeber sein Geld zurückbekommt. Immer stärker hängt von ihrem Urteil ab, ob ein Land auf dem Finanzmarkt noch frisches Geld bekommt - oder wie im Fall Griechenlands eben nicht.

Je schlechter das Rating eines Landes in Finanznot ausfällt, desto höhere Zinsen muss es auf Anleihen zahlen. Und wer diese Zinsen nicht mehr aufbringen kann, wird von den Agenturen noch weiter abgestuft - ein Teufelskreis, aus dem ein Land nur schwer aus eigener Kraft wieder herauskommt.

Die großen drei

Experten sprechen von den „Big Three“ auf dem Finanzmarkt, denn vor allem die Ratingagenturen „Standard & Poor’s“ und „Moody’s“ (beide USA) und „Fitch“ (UK) entscheiden über die Zuverlässigkeit von Anleihen.

Diese Agenturen sind private Unternehmen, die sich Bewertungen von ihren Kunden bezahlen lassen. Wer seine Angebote beurteilen lassen will, sollte bis zu 50 000 Euro übrig haben. Wenn sie einen Auftrag bekommen, verschaffen sich die Analysten der Agenturen Zugang zu Informationen über die finanzielle Situation des Kunden. Beim Abschluss des Vertrages wird festgelegt, dass auch vertrauliche Zahlen zur Verfügung gestellt werden.

Bei Staaten hängt die Einschätzung der Kreditwürdigkeit von mehreren Faktoren ab. „Bei einem Land sind Inflation, Haushaltsdefizit und die Stärke des Finanzsektors wichtig“, erklärt Jens Schmidt-Bürgel, Deutschlandchef der Ratingagentur Fitch.

Bei der ersten Analyse muss das Rating-Ergebnis vom zahlenden Kunden genehmigt werden, bevor es veröffentlicht wird. Bei Aktualisierungen, wie gerade bei Griechenland, Spanien und Portugal, wird nicht mehr gefragt.

Lange genossen Rating-Agenturen einen guten Ruf. Sie galten als zuverlässige Wegweiser im unübersichtlichen Finanzdschungel. Doch inzwischen wird die Kritik an den mächtigen Richtern über die Märkte immer lauter. Zu undurchsichtig seien ihre Kriterien, zu voreilig ihre Urteile. Zudem fehlt eine unabhängige Kontrollinstanz.

Weil die Agenturen auch selbst Finanzpapiere auf den Markt bringen und von der Bezahlung der Bewerteten leben, stehen sie außerdem im ständigen Interessenkonflikt. Kunden, die abgestuft werden, wechseln nicht selten die Agentur. Auch im Zuge der Finanzkrise wird den Analysten eine Mitschuld vorgeworfen. Zu lange hätten sie Ramschpapiere als sicher klassifiziert.

„Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst“, sagte Jens-Schmidt-Bürgel im ZDF. Dann musste er los zur nächsten Geschäftsreise. Für seine Agentur gibt es gerade viel zu tun.

Von Saskia Trebing

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