„Mädchen leiden eher still“ - Ein Interview über Schulstress

Überfordert: Viele Jugendliche leiden an Depressionen, weil sie denken, sie müssen einen möglichst guten Abschluss machen. Foto: dpa

Psychiater warnen, dass Kinder und Jugendliche massiv von Stress betroffen sind. Dr. Uta-Maria Sechtig, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Vitos-Klinik, erklärt die Gründe

Frau Sechtig, woran liegt es, dass Schüler schon an Burnout leiden? 

dr. Uta-Maria Sechtig: Ich würde nicht sagen, dass Kinder Burnout haben. Sie leiden eher unter Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Beschwerden und zunehmender Verunsicherung. Problematisch ist, dass das Schulsystem in den vergangenen Jahren durch eigentlich gut gemeinte Maßnahmen, wie die Verkürzung des Abiturs, die Schulsituation verdichtet und dadurch die Schüler zunehmend überfordert und sie mehr belastet sind.

Gibt es diese Art der Erkrankung bei Kindern schon immer? 

Sechtig: Wir wissen, dass nicht mehr Kinder psychiatrisch erkranken. Auffällig ist, dass sich die Kinder zunehmend insgesamt alleine gelassen fühlen. Das liegt daran, dass die familiären Strukturen wegbrechen und fehlen. Viele Eltern sind mit der Erziehung überfordert und können die Kinder beispielsweise bei den Hausaufgaben nicht unterstützen. Auch durch die Öffnung der freien Schulwahl ohne eine Schulempfehlung kommen Eltern und Schüler an ihre Grenzen. Das beginnt schon im Kindergartenalter, wenn Kinder mit drei Jahren in offenen Kindergartenstrukturen selbst entscheiden können, was sie mit ihrem Tag anfangen. Sie lernen dann auch nicht mehr, Dinge aus- oder durchzuhalten, was sie aber später für die Schule brauchen.

Spielt der Druck in der Gesellschaft, dass man ohne Abitur nichts wird, eine Rolle? 

Sechtig: Auf jeden Fall. Diesen Druck erleben auch die Eltern und übertragen ihn indirekt auf ihre Kinder. Jedes Elternteil möchte das Beste für sein Kind und denkt, aufgrund der vorgegebenen gesellschaftlichen Norm, dass sein Kind das Abitur benötigt, um eine berufliche Perspektive zu haben.

Müssen sich Eltern Gedanken machen, wenn ihre Kinder lange und oft lernen? 

Sechtig: Das kommt darauf an. Wenn das Kind parallel Spaß hat und sich mit Freunden trifft, würde ich mir keine Gedanken machen. Hat das Kind allerdings gar keine Freizeitgestaltung mehr, trifft sich nicht mit Gleichaltrigen und ist ständig müde und lustlos, sollte man ein beratendes Gespräch mit einem Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater suchen. Im Gespräch oder mit notwendiger Diagnostik kann er die Situation genauer beurteilen und die Eltern entsprechend beraten.

Wodurch sind die Kinder in der Schule überfordert? 

Sechtig: Schule stellt für pubertierende Jugendliche schon immer eine besondere Herausforderung dar. Kommen zusätzlich weitere belastende Faktoren hinzu, wie familiäre Belastungen, Krankheit und Probleme mit Freunden, wird aus dem positiven ein negativer Stress und somit Schule zu Überforderung.

Sind eher Jungs oder Mädchen betroffen? 

Sechtig: Es sind beide gleich betroffen. Die Jungen werden eher sagen, wenn es ihnen nicht gut geht und die belastende Situation vermeiden. Mädchen hingegen leiden eher still und leise und machen weiter wie bisher.

Wie viele Kinder leiden an Depressionen? 

Sechtig: Die Anzahl der kinder- und jugendpsychiatrisch auffälligen Kinder und Jugendlichen ist deutschlandweit gleichgeblieben und liegt bei 18 bis 20 Prozent. Darunter ist eine Untergruppe, etwa zwei bis drei Prozent der Kinder und fünf Prozent der Jugendlichen, von depressiven Entwicklungen und Angsterkrankungen betroffen. Kinder und Jugendliche, die frühzeitig in Behandlung kommen, können gut ambulant aufgefangen werden.

Dr. Uta-Maria Sechtig (50) ist Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Vitos-Klinik Bad Wilhelmshöhe für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie hat Humanmedizin in Göttingen und Berlin studiert und lebt in Bad Emstal und in Berlin.

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