Razzien in Deutschland und Italien gegen Gangster-Clan

Melsungen war in den 80er- und 90er-Jahren eine Mafiahochburg

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Ehemaliger Mafia-Treffpunkt: An der Fritzlarer Straße in Melsungen steht heute immer noch eine Spielhalle. Die Betreiber haben längst gewechselt. Sie heißt auch nicht mehr City Play wie in den 1990er-Jahren. Um das ganze Foto zu sehen, klicken Sie oben rechts.

Melsungen. Bei Razzien gegen die Mafia wurden Dienstag 170 Verdächtige festgenommen – auch in der Region. Der Schlag gegen den ’Ndrangheta-Clan erinnert an ähnliche Ereignisse in den 90er-Jahren.

Aktualisiert um 20.40 Uhr - 1992 und 1993 deckten Berichte des ZDF und des „Spiegels“ auf, dass Melsungen das „Hessische Zentrum der Mafia aus Kalabrien“ ist. Die Bande von Cataldo G. soll von Melsungen aus geraubt, mit Heroin und Kokain gedealt und vor allem Schutzgeld erpresst haben.

Er wird dem ’Ndrangheta-Clan Farao-Marincola aus der kalabrischen Gemeinde Ciro zugeordnet. Der war auch Ziel der aktuellen Razzien.

Gemeinsam mit anderen Mafiagrößen der Farao- und Marincola-Familien wurde Cataldo G. 2007/2008 verhaftet. Wegen Zugehörigkeit zur Mafia wurde er 2010 zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Treffpunkt

Eine Spielhalle am Marktplatz in Melsungen diente der Bande um Cataldo G. Anfang der 1990er-Jahre als Treffpunkt. Im City-Play hielten die Mafiamitglieder täglich von 14 bis 17 Uhr eine Art Sprechstunde ab. So zitiert das Magazin „Spiegel“ einen Aussteiger im Jahr 1993. Wegen der Gefahr, abgehört zu werden, wurden dort die Aufträge persönlich verteilt. Telefonieren war tabu.

Verbrechen

Die verkauften Drogen stammten aus der Clan-Raffinerie in San Leonardo di Cutro (Kalabrien). Sie wurden in Italien, in der Schweiz und in Deutschland – insbesondere im Raum Kassel und Stuttgart verkauft. Das berichtet das Recherchenetzwerk Correctiv.

Zur Haupteinnahmequelle gehörten indes Schutzgelderpressungen. Reihenweise Restaurants und Eisdielen mussten damals „Geldgeschenke“ an den Mafiaboss entrichten, berichtete der Aussteiger dem „Spiegel“.

Cataldo G. hatte die Lokale zuvor auskundschaften lassen und den ungefähren Umsatz errechnet. Dann kamen – meist direkt aus Italien – Mitglieder des Clans und bedrohten die Inhaber. Zur Einschüchterung genügte es den Gangstern, ein wenig mit dem Feuerzeug zu spielen.

Die Forderungen der Männer waren absichtlich maßlos überzogen. Das Perfide an der Masche: Der Inhaber sollte sich an einen befreundeten Italiener wenden, der für diesen Zweck zuvor vom Clan eingeführt und aufgebaut worden war. Der Freund versprach Hilfe in Form eines mächtigen Bekannten. Diesen Bekannten spielte immer Cataldo G. aus Melsungen. Nach dessen angeblicher Intervention blieben die Erpresser fern. Zum Dank gab es fortan Geldgeschenke für Cataldo G.

So berichtete der „Spiegel“ 1993 (Ausgabe 36) über die Aktion gegen die Mafia im nordhessischen Melsungen.

Überwachung

Die Aktivitäten in Melsungen blieben nicht unbemerkt. Die Gangster gerieten ins Visier der Polizei. Die Ermittlungsgruppe AG Herkules kümmerte sich damals speziell um die organisierte Kriminalität. So habe der mutmaßliche ’Ndrangheta-Boss Cataldo G. lange im Visier der Ermittler gestanden. Dessen Festnahme und Überführung konnten sie indes nicht verbuchen. Der damals 40-Jährige hatte sich schon abgesetzt. An eine Überwachungsaktion erinnert sich Melsungens damaliger Bürgermeister Dr. Ehrhart Appell noch gut. Eines Tages hätten sich Spezialkräfte der Polizei angekündigt. Sie wollten aus dem Rathaus Verdächtige überwachen. Das Rathaus liegt mitten in der Stadt, unter anderem gegenüber der Spielhalle. Die Polizisten hätten in einem Raum im obersten Geschoss Position bezogen und dort Richtmikrofone aufgestellt. Die Überwachung habe sich laut eines Verbindungsmannes über mehrere Tage hingezogen. Festnahmen habe es seines Wissens aber danach nicht gegeben. Die Drahtzieher hatten sich rechtzeitig abgesetzt. Mit Kameras war das Team des ZDF bewaffnet, das 1992 in Melsungen drehte. Barbara Appell, die Frau des damaligen Bürgermeisters erinnert sich, wie sich die Leute hinter einer Mauer in der Kirchstraße versteckten, um die Spielhalle zu filmen.

Interview mit Mafia-Experten Sandro Mattioli

Sandro Mattioli ist Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter. Der freie Journalist ist Vorsitzender des Vereins "Mafia? Nein, Danke!" in Berlin.

Ein Mafia-Kenner, der sich zudem gegen das organisierte Verbrechen engagiert – das ist der Journalist und Autor Sandro Mattioli (41). Wir sprachen mit ihm über die Großrazzia gegen die ’Ndrangheta in Deutschland und Italien.

Herr Mattioli, ist die Provinz wie Nordhessen, wo es jetzt ja auch Festnahmen gab, für die Mafia besonders attraktiv?

Sandro Mattioli: Ja, das liegt daran, dass es hier leichter fällt, sich in lokale Kontexte zu integrieren. Man kommt leichter in Kontakt und hat weniger Konkurrenz.

Wie muss man sich das Geschäft eines Mafioso vorstellen?

Mattioli: Die Mafia ist von außen nicht erkennbar. Das gilt für Gastwirte, die mit der Mafia kooperieren, wie für andere Mafiosi. Das sind Leute, die wirken wie Sie und ich. Im baden-württembergischen Singen wurde der örtliche Clan beispielsweise von einem Arbeiter in einem metallverarbeitenden Betrieb geleitet. Auch unter den jetzt festgenommenen Leuten sind nette Gastwirte, die sich mit ihren Gästen geduzt haben und mit ihnen scherzten. Der weit überwiegende Anteil der ’Ndranghetisti, also ihrer Mitglieder, sind Italiener. Es gibt aber inzwischen auch Ausländer unter ihnen.

Was bedeuten die Razzien vom Dienstag für das Geschäft der Mafia in Deutschland?

Mattioli: Für die Mafia an sich ist das schwierig zu sagen. Für den ’Ndrangheta-Clan Farao, der seit vielen Jahrzehnten in Deutschland präsent ist, ist das eine ganz empfindliche Schwächung. Es gibt aber andere Clans, die mühelos in die Bresche springen können. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich die betroffenen Clans schnell reorganisieren. Erst wenn man Clans auf breiter Ebene bekämpft, wird es für sie schwierig. Die sizilianische Mafia, Cosa Nostra, ist so geschwächt, dass sie mit der ’Ndrangheta aus Kalabrien inzwischen kooperiert. In Deutschland gibt es noch viele andere aktive Clans.

Nach deutscher Gesetzeslage ist eine Mitgliedschaft in der Mafia nicht strafbar. Was müsste sich ändern?

Mattioli: Ich kenne viele deutsche Polizisten, die mit großem Engagement gegen die Mafia vorgehen. Die Gesetze, die der Polizei zur Verfügung stehen, sind aber nicht ausreichend. Auch lässt die öffentliche Aufmerksamkeit viel zu schnell nach. Das wird wohl auch diesmal so sein. 2007 nach dem Sechsfach-Mord in Duisburg war es jedenfalls so. Anderes, wie der Terrorismus, ist präsenter.

Was müsste in Deutschland geschehen?

Mattioli: Der Freiraum für Geldwäsche ist in Deutschland immer noch viel zu groß. Etwa in geschlossenen Fonds, wo sehr viel Geld bewegt wird, von außen undurchschaubar. Auch müsste die Mafia-Mitgliedschaft an sich endlich strafbar sein. Das würde mit zunehmenden staatsanwaltlichen Ermittlungen auch zu mehr Transparenz führen.

Wie kann sich ein Gastwirt gegen die Mafia wehren?

Mattioli: Grundsätzlich ist Kooperation mit der Polizei immer gut. Initiativen und Vereine wie „Mafia? Nein danke!“ helfen dabei. Die italienische Mafia betreibt auch noch Schutzgelderpressung, und die Opfer leiden darunter. Unter den jetzt Festgenommenen sollen ja auch Leute sein, die ihre Opfer gezwungen haben, bestimmte Waren überteuert zu kaufen. Das will ich nicht kleinreden. Das größere Problem sehe ich aber woanders.

Wo?

Mattioli: Ich sehe es im Schaden für den freien Wettbewerb und die Wirtschaft an sich. Dieser Schaden entsteht, wenn Sie Akteure haben, die mit Mafia-Geld in zum Teil riesigen Mengen operieren. Ehrliche Unternehmer können damit nicht konkurrieren, Innovationskraft und Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft werden empfindlich beeinträchtigt. Letztlich schadet dies einer jeden demokratischen Gesellschaft als solcher.

Sind Sie persönlich schon bedroht worden?

Mattioli: Darüber spreche ich nicht, auch wenn das Schreiben von Konzertkritiken wohl ungefährlicher ist. Ich habe jedenfalls Respekt vor meiner Aufgabe.

Razzien

169 Personen sind bei den Razzien in Italien und Deutschland am Dienstag festgenommen worden. Elf in Deutschland. Die gefassten Mafia-Verdächtigen sollen laut der Deutschen Presse-Agentur schnellstmöglich nach Italien überstellt werden. Von den fünf aus dem Schwalm-Eder-Kreis stammenden Verdächtigen kommt nach HNA-Informationen einer aus Borken, einer aus Spangenberg und zwei aus Melsungen, ein Wohnsitz ist noch unbekannt. Bei den fünf Verdächtigen handelt es sich laut Ermittlern um italienische Staatsangehörige.

Stichwort: Razzia

Das Wort Razzia kommt aus dem Arabischen und bedeutet Kriegs- oder Raubzug – mit deutlichem Akzent auf dem Überraschungs- und Angriffscharakter der Unternehmung. Über das Französische, wo es im 19. Jahrhundert bei der Eroberung Algeriens durch die Franzosen für überfallartige Militäreinsätze verwendet wurde, gelangte das Wort ins Deutsche. Hier bekam Razzia die auch heute noch geläufige Bedeutung: eine gut organisierte, überraschende Fahndungsaktion an blitzartig abgesperrten Orten.

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