„Mahnmal der Geschichte“

Interview zum Mauerbau: Für ihn wurde die DDR zum Gefängnis

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Rainer Eppelmann

Vor 53 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer. Laut einer Studie im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur kennt aber nur die Hälfte der Deutschen die Bedeutung dieses Datums. Darüber sprachen wir mit dem Vorstandsvorsitzenden Rainer Eppelmann.

Herr Eppelmann, was bedeutet der 13. August für Sie, was bedeutet er für die Geschichte der DDR? 

Rainer Eppelmann: Für mich bedeutete er einen Bruch in meiner persönlichen Biografie. Ich bin bis zum 13. August 1961 in Westberlin auf ein Gymnasium gegangen. Das war mir in Ostberlin verwehrt worden, weil ich kein FDJ-Mitglied war und einen Vater hatte, der zwar in Ostberlin lebte, aber in Westberlin arbeitete. In Westberlin wollte ich mein Abitur machen, habe es aber nicht erreicht, weil Walter Ulbricht und Erich Honecker vorher den Zugang nach Westberlin zumauerten.

Für die Bevölkerung der DDR bedeutete das, dass sie eingesperrt wurde wie in ein Gefängnis. Wer die Demonstrationen vom Herbst 1989 verstehen will, muss sich fragen, wie sich 17 Millionen DDR-Bürger gefühlt haben, wenn sie sahen, dass die Menschen in der Bundesrepublik viel freier und besser lebten.

Woran liegt es, dass nur die Hälfte der Deutschen das Datum des Mauerbaus kennt? 

Eppelmann: Von den über 60-Jährigen sind es über 60 Prozent, bei den 14- bis 29-Jährigen aber nur 30 Prozent, die sagen können, dass der 13. August der Tag war, an dem die Mauer gebaut worden ist. Wenn es uns nicht egal ist, dass wir ein solches Mahnmal deutscher Geschichte vergessen, einen Tag, an dem sich eine Regierung das Recht herausnahm, ihre Bevölkerung zu Leibeigenen zu machen, wenn uns nicht egal ist, dass wir irgendwann den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie nicht mehr auf eine drastische Weise benennen können, dann müssen die, die es erlebt haben, dafür sorgen, dass ihre Kinder und Enkelkinder eine Chance haben, das zu erfahren.

Warum können laut der Studie im Osten mehr Menschen etwas mit dem Datum anfangen als im Westen? 

Eppelmann: Weil sie unmittelbar betroffen gewesen sind. 17 Millionen sind eingesperrt gewesen, die anderen höchstens ausgesperrt. Es gab eine Reihe von Westdeutschen, die keine verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen zu Menschen in der DDR hatten. Sie haben es nicht als Verlust erlebt, dass sie dort nicht mehr hinkonnten.

Westdeutschen wurde oft vorgeworfen, kein Interesse an der DDR-Geschichte zu haben. Ist das mittlerweile anders? 

Der Link zur Studie

Eppelmann: Ja. Wenn wir als Bundesstiftung schauen, wer bei uns Fördermittel beantragt, sind das kurz nach 1990 fast nur Initiativen aus der ehemaligen DDR gewesen. Das ist heute fast fifty-fifty. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Interesse in den altbundesrepublikanischen Schulen, einen Zeitzeugen von seinem alltäglichen Leben in der DDR erzählen zu lassen, verbreiteter ist als in Ostdeutschland, was etwas mit den Lehrern zu tun hat. In der DDR haben Lehrer die offizielle politische Meinung im Unterricht vertreten müssen. Und wer erinnert sich daran schon gern, wenn er nicht heute noch überzeugt ist, dass die DDR der bessere deutsche Weg war?

In den ersten Jahren nach dem Mauerfall setzte eine Art Verklärung der DDR ein. Gibt es die auch heute noch?

Eppelmann: Ich glaube, dass inzwischen deutlicher geworden ist, dass die DDR keine kleine, nicht ganz so schlimme Diktatur gewesen ist. Ich erinnere mich an eine Zeit vor ein paar Jahren, als es in jedem Fernsehprogramm einmal in der Woche eine sogenannte Nostalgieshow gab. Da wurden Leute zu Widerständlern, die es tatsächlich nicht gewesen sind, Katarina Witt zum Beispiel. Markus Wolf, der stellvertretende Minister für Staatssicherheit, wurde von einem Fernsehsender zum anderen gereicht. Man hatte offensichtlich völlig ausgeblendet, dass er neben Erich Mielke der entscheidende Stasi-Mann gewesen ist.

Warum ist es wichtig, über die DDR und die SED Bescheid zu wissen? 

Eppelmann: Damit wir hoffentlich nicht nur „Nie wieder Krieg“, sondern auch „Nie wieder Diktatur“ sagen, egal mit welchen Vorzeichen, egal mit welchen Versprechen. Diktatur ist immer unmenschlich, weil es Menschen zu Untertanen macht, aber nicht zu freien, fantasievollen und schöpferischen Staatsbürgern.

Zur Person

Rainer Eppelmann (71), geb. in Berlin, ist ev. Pfarrer und Bürgerrechtler. 1966 verweigerte er den Dienst an der Waffe in der NVA, woraufhin er zu acht Monaten Haft verurteilt wurde. Er war Gründungsmitglied und Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs (DA), der 1990 in der CDU aufging. Eppelmann war entscheidend an der friedlichen Revolution in der DDR beteiligt und wurde Minister für Abrüstung und Verteidigung der letzten DDR-Regierung. Von 1990 bis 2005 war er Mitglied des Bundestages. Eppelmann ist in dritter Ehe verheiratet und hat fünf Kinder.

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