ARD-Talk bei Maischberger

Corona zeigt „eklatante Misswirtschaft“: Virologe Streeck fordert faire Löhne in der Pflege

Virologe Hendrik Streeck (l.) und Intensivpflegerin Anette Segtrop (m.) im ARD-Talk bei Sandra Maischberger (r.). (Screenshot)
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Virologe Hendrik Streeck (l.) und Intensivpflegerin Anette Segtrop (m.) im ARD-Talk bei Sandra Maischberger (r.). (Screenshot)

Im ARD-Talk bei Sandra Maischberger warnt Virologe Hendrik Streeck vor einer vierten Corona-Welle. Zudem äußert sich eine Pflegerin zur Lage auf den Intensivstationen.

Update vom Freitag, 07.05.2021, 13.43 Uhr: Im TV-Talk von „maischberger. die woche“ in der ARD am Mittwochabend (05.05.2021) war unter anderem die Lage auf den Intensivstationen in Deutschlands Krankenhäusern Thema. Intensivpflegerin Anette Segtrop gab einige Einblicke, wie schwierig die Lage auf den Intensivstationen aktuell und in den vergangenen Corona-Wellen gewesen sei. „Ich bin seit 40 Jahren im Dienst, so etwas habe ich in der Form noch nicht erlebt“, so die Pflegerin. Sie schilderte, wie die Patienten während der dritten Welle immer jünger würden, länger blieben und wie hilfslos man mangels Therapiemöglichkeiten teilweise sei.

„Zunächst greifen die Maßnahmen, doch dann greift das Virus alle Organe im Körper an. Wir haben kein Mittel gefunden, wie wir das auffangen können, auch bei den jüngsten nicht. Das ganze System kippt – und dann ist es einfach zu Ende“, sagte Segtrop. Zusätzlich zur Schwere der Coronafälle berichtet Anette Segtrop, wie sich die Intensivbetten auf ihrer Station im Uniklinikum Köln teilweise unvorhersehbar und urplötzlich füllten. „Die 10 Intensivbetten, die allein auf meiner Station zur Verfügung stehen, waren von jetzt auf gleich, innerhalb eines Wochenendes belebt“, berichtet sie Sandra Maischberger. Teilweise hätten Patienten so schnell wie möglich wieder auf andere Stationen verlegt werden müssen, damit der nächste aufgenommen werden konnte. Die Uniklinik habe zeitweise kein einziges ECMO-Gerät zur Beatmung von Covid-19-Patienten übrig gehabt.

„maischberger. die woche“ (ARD): Politik hat Überlastung auf Intensivstationen nicht gegen gesteuert

Die Zahl der Patienten und die Arbeit, die bei der Pflege von Covid-Intensivpatienten anfällt, stellt für diejenigen, die an vorderster Front arbeiten eine enorme Belastung dar. Aber nicht nur die körperliche Belastung durch die hohe Zahl an sehr pflegeintensiven Patienten bringt die Pflegekräfte an ihre Grenzen. Auch die Hilflosigkeit, die Stagnation und das tägliche Beobachten von Leid und Tod stelle eine enorme psychische Belastung dar, beschreibt Segtrop.

Virologe Hendrick Streeck fordert auf Twitter einen bundeseinheitlichen Tarifvertrag für Pflegekräfte. (Screenshot)

Hendrik Streeck kritisiert in diesem Zusammenhang bei Maischberger eine eklatante Misswirtschaft im Pflegebereich, die schon vor der Pandemie bestand. „Die Pandemie hat uns wie ein Brennglas vor Augen geführt, dass wir ein strukturelles Problem im Pflegebereich, vor allem auf den Intensivstationen haben“, führt der Virologe aus, „das wussten wir vor der Pandemie, das wussten wir am Anfang der Pandemie und während der Pandemie ist nichts passiert.“

Streeck verwies auf eine Studie der Barmer Krankenkasse, der zufolge sich der Mangel an Pflegekräften durch bessere Arbeitsbedingungen deutlich abmildern ließe. „Wenn das Personal nicht überdurchschnittlich häufig krank wäre oder frühverrentet werden müsste, könnten 50.000 Pflegebedürftige zusätzlich versorgt werden“, heißt es im Pflegereport der Krankenkasse. Rechnerisch könnten dann 26.000 Pflegekräfte mehr im Einsatz sein. Der Belastung durch Zeitdruck, physischen und emotionalen Druck auf den Stationen, der sich durch Corona noch deutlich verstärkt habe, sei nicht effektiv gegen gesteuert worden. „Außer klatschen und gegebenenfalls einem Bonus wurde von der Politik keine Stärkung und Verbesserung der Pflege erreicht“, schließt Streeck seine Kritik ab.

Virologe Streeck warnt bei Maischberger vor vierter Corona-Welle

Erstmeldung vom Donnerstag, 06.05.2021: Berlin/Kassel – Die Corona-Lage in Deutschland scheint sich zu stabilisieren. Die Zahl der Neuinfektionen sank Tage lang, die Inzidenz stabilisierte sich. Zahlreiche Bundesländer preschen mit Lockerungen vor, Bayern öffnet beispielsweise die Außengastronomie. Zudem steht die Rückgabe an Grundrechten für vollständig geimpfte Personen an. Ein Entwurf des Bundesjustizministeriums wurde bereits vom Kabinett beschlossen. Der Bundestag debattiert am Donnerstag (06.05.2021) darüber.

Die aktuellen Entwicklungen der Pandemie waren unter anderem Thema im TV-Talk von „maischberger. die woche“ in der ARD am Mittwochabend (05.05.2021).

„maischberger. die woche“ (ARD): Virologe Streeck äußert sich zu Corona-Lockerungen

Neben dem aktuellen Impffortschritt in Deutschland wurde insbesondere die Debatte um Lockerungen thematisiert. Moderatorin Maischberger bat dabei Virologe Hendrik Streeck um eine Einschätzung der Bilder aus Großbritannien. In Liverpool fand beispielsweise ein Rave mit Tausenden Menschen statt. Zuvor und anschließend wurden alle Besucher auf das Coronavirus getestet. Streeck, der sich kürzlich unter anderem in der Debatte um #allesdichtmachen geäußerte hatte, freute sich über derartige Veranstaltungen: „Wir brauchen solche Modellprojekte.“ Damit bezog sich Streeck darauf, dass man herausfinden müsse, wo die Infektionen tatsächlich stattfinden – derzeit und in Zukunft. Als deutsche Beispiele nannte Streeck die Modellprojekte in Tübingen oder Rostock. „Die haben ja solche Projekte getestet. Und das sehe ich als sehr sinnvoll an, weil dort hat man ja gesehen, dass man [...] Bereiche öffnen kann, ohne dass die Infektionszahlen höher gegangen sind, als in den Nachbarregionen.“ Die Lockerungen in Tübingen wurden schließlich durch die bundeseinheitliche Notbremsen-Regelung gestoppt. Eine das Projekt begleitende Studie der Universität Tübingen kommt dennoch zum Fazit, dass es „verantwortbar“ sei, „dieses Projekt unter strenger Beobachtung fortzusetzen“.

Gäste bei Sandra MaischbergerBeruf
Hendrik StreeckVirologe
Markus FeldenkirchenJournalist
Mathias RichlingKabarettist
Anette SegtropKrankenschwester
Anna DushimeJournalistin
Sahra WagenknechtPolitikerin

Unabhängig von Modellprojekten sei jedoch klar, dass ungewiss sei, ob Deutschland derzeit die Endphase der Pandemie erlebe, betonte Streeck. Zwar sinke der Inzidenzwert aktuell, was sich auch im Sommer fortsetzen werde, der Virologe betonte jedoch: „Es stellt sich schon die Frage, wie stark eine vierte Welle im Herbst ausfallen wird.“

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„maischberger. die woche“ in der ARD-Mediathek anschauen.

Dass sich die Corona-Zahlen derzeit positiv entwickeln, führte Streeck auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen zeige sich bereits ein Impfeffekt. Mehr als 24,5 Millionen Menschen in Deutschland haben bereits die Corona-Erstimpfung erhalten. Davon sind fast sieben Millionen Menschen vollständig gegen Sars-CoV-2 geimpft. Zum anderen verwies der Virologe auf einen saisonalen Effekt bezüglich der sinkenden Corona-Fallzahlen. Der April und der Mai dieses Jahres seien kälter als erwartet, was für eine Verschiebung des Effektes durch die wärmere Jahreszeit sorge.

Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass sich das Coronavirus in der kälteren Jahreszeit besser verbreitet. Im Sommer schwäche sich die Übertragungsdynamik tendenziell ab, so das RKI. Tatsächlich ließ das hiesige Infektionsgeschehen im Sommer 2020 nach.

Corona: Pflegerin schildert Situation auf der Covid-Intensivstation

Während Streeck betonte, dass das Coronavirus nicht vollständig verschwinden werde, erklärte Intensivpflegerin Anette Segtrop wie schwierig die Lage auf den Intensivstationen der Krankenhäuser sei. „Ich bin seit 40 Jahren im Dienst, so etwas habe ich in der Form noch nicht erlebt“, so die Pflegerin. Sie schilderte, wie die Patienten während der dritten Welle immer jünger würden und wie hilfslos man mangels Therapiemöglichkeiten teilweise sei.

„Zunächst greifen die Maßnahmen, doch dann greift das Virus alle Organe im Körper an. Wir haben kein Mittel gefunden, wie wir das auffangen können, auch bei den jüngsten nicht. Das ganze System kippt – und dann ist es einfach zu Ende“, sagte Segtrop. (tu)

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