Diskussion in der ARD

Pflege-Talk bei Maischberger: Jens Spahn überrascht mit Geständnis 

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Die Runde bei Sandra Maischberger diskutierte am Mittwochabend über Pflege, Pflegenotstand und notwendige Verbesserungen. 

Personalmangel, chronisch dehydrierte Pflegepatienten, Überlastung der Mitarbeiter: Sandra Maischberger führte am Mittwoch eine hitzige Debatte über den Zustand und die Zukunft der Altenpflege in Deutschland. Gesundheitsminister Jens Spahn sorgte mit einer Aussage für Wirbel.

Berlin - Die Lebenserwartung steigt, die Deutschen werden älter, der Pflegebedarf wird weiter ansteigen, der Politik wird mangelndes Verständnis vorgeworfen - Grund genug für Sandra Maischberger, am Mittwochabend in einer Runde darüber zu diskutieren, der nur ein Politiker beiwohnte: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der überrascht am Ende mit dem Geständnis, er würde seine Eltern nicht zu Hause pflegen - zumal die das auch gar nicht erwarten würden. „Ich würde so oft wie möglich versuchen, zuhause zu sein und mitzuhelfen“, erklärt er.

Die restlichen Gäste haben den Pflege-Alltag selbst schon hautnah mitbekommen - und warteten mit teils erstaunlichen Berichten auf. Das Motto der Sendung: „Die große Überforderung: Wie lösen wir den Pflegenotstand?“ 

Da muss die ehemalige Krankenschwester Susanne Hallermann gleich einhaken. Es handle sich nicht um eine Überforderung, sondern um eine regelrechte Überlastung. Das System funktioniere überhaupt nur, weil drei Viertel aller Pflegebedürftigen von Angehörigen zu Hause gepflegt würden. Es fehle massiv an Unterstützung für pflegende Angehörige. Schlager-Start Cindy Berger klingt weniger düster. Sie habe die Pflege ihrer Mutter als Chance gesehen. Doch in den Pflegeheimen greife Überforderung um sich: Ein Film zeigt hanebüchene Zustände wie etwa Pflegebedürftige, die nicht mit Flüssigkeit versorgt werden.

Der Gesundheitsminister und die Lobby 

Das sei die Ausnahme, nicht die Regel, behauptet Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege. Es gebe für so etwas kontrollierte Standards, deren Einhaltung auch überprüft werde. Der ehemalige Heimbetreiber Rieger widerspricht vehement: Es sei eben keine Ausnahme, und die Politik wisse um diese Missstände. Mit schlechter Pflege werde gutes Geld verdient, echauffiert er sich. Dann will er Bundesgesundheitsminister Spahn einen Strick daraus drehen, dass der mal an einer Lobbyfirma beteiligt war. Einer wie Spahn sei wohl kaum geeignet, denjenigen zu schaden, „die vom System profitieren“.

Der Minister überspielt den Vorwurf und tut ihn als hinfällig ab, da das alles schon Jahre her sei und wer wolle, könne sich ohnehin auf Wikipedia darüber informieren. Die Moderatorin ist seiner Meinung: Herr Rieger müsse erklären, was die Lobby-Beteiligung jetzt zur Sache tue. Riegers Attacke läuft also ins Leere. Spahn referiert sodann über Mängel, die es zwar gebe, stellt aber fest, dass diese die Ausnahme seien und dass die Situation zudem immer besser werde. Die Belastung in der Branche müsse geringer werden, damit der Beruf des Pflegers auch für Nachwuchs wieder attraktiver werde. 

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Zu wenig Personal - unterschiedliche Personalschlüssel

Derselben Meinung ist Sandro Plett, ein 27-jähriger Pfleger, der sich auf Facebook immer wieder zum Pflegenotstand geäußert hat. Es gebe schlicht und einfach zu wenig Personal. Ex-Heimbetreiber Rieger wundert das nicht: So verdiene man einfach mehr Geld - Personal sei teuer. Leider lasse die Gesetzgebung massive Personaleinsparung zu, obwohl die den Pflegebedürftigen schade. Er spricht von einer Ökonomisierung der Pflegebranche, in der inzwischen Private-Equity-Investoren das Sagen hätten. Der Gesetzgeber öffne „Tür und Tor für Lug und Betrug.“ 

Leider sei die Pflege in Deutschland auf Länder-Ebene geregelt, erklärt Thomas Greiner. Deshalb gebe es in verschiedenen Bundesländern verschiedene Personalschlüssel. Auch die Vorschriften für den Nachtdienst seien nicht einheitlich. Diesen Umstand nennt er eine Herausforderung für Jens Spahn. Jedoch könne man gar nicht am Personal sparen, widerspricht er Rieger, da die Personalschlüssel und auch die Qualifikationen der Mitarbeiter von der Politik vorgeschrieben würden. Sandro Plett wünscht sich einen bundesweiten Schlüssel von einem Pfleger für fünf Pflegebedürftige. 

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Da muss Maischberger glucksen: Spahn wolle 8000 neue Stellen schaffen. Wie viele müsste er schaffen, um einen Schlüssel von 1:5 bundesweit hinzubekommen, will sie vom Minister wissen. Plett unterbricht: Wäre der Schlüssel erstmal da, würden von alleine mehr Menschen in den Beruf drängen. Doch der Vorschlag 1:5 ist dem Gesundheitsminister „zu pauschal“ - schließlich gebe es auch unterschiedliche Pflegegrade. Die Personalsituation in Heimen sei so desolat, weiß Susanne Hallermann zu berichten, dass Angehörige inzwischen auch bei der Pflege ihrer Lieben in Heimen freiwillig mithelfen. 

Man müsse sich inzwischen fragen, ob man nicht das ganze System ändern sollte. Immerhin kämen im jetzigen System teilweise Investoren an, die marode Heime noch verschlechtern, damit aber einen netten Profit machen. Sie klingt wie Pflegekritiker Rieger. Kontrolle sei gut, aber Kontrolle müsse unabhängig sein. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) sei aber nicht unabhängig, wirft sie Jens Spahn vor. Die engagierte Ex-Krankenschwester musste einst Hartz IV beantragen, weil sie durch die Pflege ihrer Großmutter arbeitslos wurde. Es gebe zwar finanzielle Unterstützung für pflegende Angehörige, aber darüber müsse man auch erstmal informiert sein, meint Cindy Berger. 

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Viel zu tun, hohe Kosten

Am Ende bleibt eine Einsicht, die die meisten schon vor der Sendung gehabt haben dürften: Es gäbe viel Bedarf für Verbesserungen, aber die Kosten für das Pflegesystem sind schon jetzt sehr hoch. Angesichts der demographischen Entwicklung des Landes ist keine Zeit zum Aufatmen in Sicht. Fazit: Es wird mehr getan, aber im Bereich Pflegt ist „mehr“ wohl immer noch zu wenig. 

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