HNA-Interview

Fehlendes Selbstvertrauen: Ökonomin über die Ängste der Deutschen

Kassel. Die größte Angst der Deutschen hat mit Geld zu tun. Doch wie begründet ist das? Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt die Philosophin und Ökonomin Christine Ax, was die Ursachen sein könnten.

Wie kommt es, dass wir im Überfluss leben, aber zugleich Angst davor haben, etwas von unserem Wohlstand einbüßen zu müssen? 

Christine Ax: Je mehr wir haben, desto mehr Angst haben wir. Mit Blick auf unser Wohlstandsniveau gibt es absolut keinen Grund dazu, Angst zu haben. Um es zu halten, müssten wir eigentlich nur 16 Stunden pro Woche arbeiten - wenn die Arbeit gleich auf die ganze arbeitsfähige Bevölkerung verteilt würde.

Krieg und Krisen - Anlässe, sich zu ängstigen gibt es genug. Haben wir mehr Angst vor der Welt oder vor unserem Bild davon? 

Ax: Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass keine Generation jemals weniger Grund für Angst hatte als unsere. Dass wir angesichts einer Wirtschaft, deren größtes Problem die Überproduktion ist, Angst haben alles zu verlieren, ist nur durch einen Mangel an Vertrauen in uns selber und in unsere Mitmenschen zu erklären.

Ist unsere Angst gut oder schlecht begründet? 

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Ax: Es ist klug, vor den Dingen Angst zu haben, die reale Gefahren sind. Auch ich habe Angst, wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe. Aber es ist auch gut, Unsicherheiten und Ängste, die uns von außen suggeriert werden, zu überprüfen. Denn Angst macht Menschen auch dumm und manipulierbar. Diese Angst ist gefährlich. Wir müssen uns immer fragen: Wer profitiert von den Dingen, die wir aus Angst und Unsicherheit tun?

Und warum arbeiten wir so viel? 

Ax: Das ist ganz verschieden. Ich kenne Menschen, die müssen so viel arbeiten, um überhaupt ihre Rechnungen bezahlen zu können. Oder damit ihre Kinder eine Chance für ein gutes Leben haben. Manche arbeiten, weil sie Schulden haben oder glauben, dass sie Luxusgüter benötigen, um Anerkennung zu finden. Andere wollen Karriere machen, mehr Geld und mehr Macht. Ich kenne aber auch viele Menschen, die so viel arbeiten, weil sie die Arbeit lieben. Das ist oft dann der Fall, wenn nicht die Notwendigkeit oder der Zwang im Vordergrund stehen.

Was empfehlen Sie?

Ax: Wir sollten rational an unsere Ängste herangehen und immer fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass sie auch eintreten? Wir sollten mehr Vertrauen in uns und die Kraft der Gemeinschaft haben.

Zur Person

Christine Ax (60), ist Journalistin, Philosophin und Ökonomin. Sie schreibt und forscht seit über 20 Jahren zum Thema Nachhaltigkeit. Die gebürtige Saarländerin ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie arbeitet und schreibt in Hamburg und in Wien. (nni)

Von Nina Nickoll

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