Zum Tod von Günter Schabowski

Der Mann, der die Mauer öffnete

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Der historische Augenblick: Günter Schabowski gibt am 9. November 1989 während einer Pressekonferenz in Ost-Berlin die Öffnung der innerdeutschen Grenze bekannt. Schabowskis Äußerung, die Änderungen der Reisegesetze träten „unverzüglich“ in Kraft, löste am selben Abend einen Ansturm der DDR-Bürger auf die innerdeutschen Grenzübergänge aus.

Nachruf: Günter Schabowski mit 86 Jahren gestorben - Sein Satz war der Anfang vom Ende der DDR. Nach der Wende war Schabowski einige Jahre in Nordhessen als Journalist aktiv.

Der Satz, mit dem die meisten Menschen Günter Schabowski immer in Verbindung bringen werden, fiel beiläufig. Manche dachten an einen Versprecher: Am 9. November 1989 sorgte der damaligen SED-Spitzenfunktionär für die Grenzöffnung. „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort... unverzüglich“, stotterte er auf der Pressekonferenz in Ost-Berlin auf die Frage, ab wann denn die vorgestellte neue DDR-Reiseverordnung gelte, nach der künftig Reisen in den Westen erlaubt sein sollten.

Nach dieser Aussage ebbte der Strom von Menschen, die über die Grenze wollten, nicht mehr ab. Gestern ist Günter Schabowski im Alter von 86 Jahren gestorben.

Günter Schabowski: Eines der letzten öffentlichen Fotos (2008).

Das frühere SED-Politbüromitglied bekannte nach der friedlichen Revolution immer wieder, er trauere der DDR nicht nach. Als erster Politiker aus der SED-Spitze hatte Schabowski Abgesandte der Bürgerbewegung „Neues Forum“ empfangen und versucht, die Wende mitzugestalten. Doch viele nahmen ihm seine Wandlung nicht ab. Bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 wurde er ausgepfiffen.

Als ihm neben dem letzten DDR-Staats- und Parteichef Egon Krenz vor dem Berliner Landgericht der Prozess gemacht wurde, räumte er ein, nichts könne rechtfertigen, dass auch nur ein einziger Flüchtling, „der uns den Rücken kehren wollte, dafür mit dem Leben bezahlen musste“.

Im Gegensatz zu Krenz räumte er auch eine Mitschuld dafür ein, dass Menschen an der innerdeutschen Grenze bei Fluchtversuchen erschossen wurden. Das Berliner Landgericht verurteilte Schabowski 1997 wegen Totschlags zu drei Jahren Haft. Er akzeptierte das Urteil. Im September 2000 wurde er begnadigt und nach weniger als einem Jahr aus dem offenen Vollzug aus dem Berliner Gefängnis Hakenfelde entlassen.

Layouter und später Chefredakteur: Das Bild zeigt Günter Schabowski im Büro der Heimat-Nachrichten in Rotenburg. Rechts im Bild ist Mitbegründer und Geschäftsführer Gerald H. Wenk zu sehen.

Schabowksi, im vorpommerschen Anklam als Sohn eines Klempners geboren, hatte eine steile SED-Karriere hinter sich. 1978 übernahm er die Leitung der Parteizeitung „Neues Deutschland“. 1984 gelang dem Absolventen der Moskauer KP-Parteihochschule der Aufstieg ins SED-Politbüro, das höchste DDR-Machtgremium. 1985 wurde er Chef der Berliner SED-Bezirksleitung. Kurz vor dem Ende der DDR galt er neben Egon Krenz sogar als möglicher Kandidat für die Nachfolge von Erich Honecker.

Beruflich musste sich Schabowski nach der Wende neu orientieren und arbeitete dadurch für einige Zeit in Hessen. Gemeinsam mit einem Journalisten entwickelte er die Idee der Heimat-Nachrichten, einem Anzeigenblatt mit Sitz in Rotenburg an der Fulda (Kreis Hersfeld-Rotenburg). Dort arbeitete er zwischen 1992 und 1999 bis zur Einstellung der Zeitung als Layouter und später auch als Chefredakteur. So nahm Schabowski auch lokalen Pressetermine wahr, trat in der Öffentlichkeit aber meist zurückhaltend auf.

Schabowski war verheiratet und hatte mit seiner russischstämmigen Frau Irina zwei Söhne. Nach Aussagen seiner Frau lebte er nach einigen Infarkten und Schlaganfällen in Pflegeheim.

Von Jutta Schütz und Max Holscher

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