„Die Aussiedlung hatte nur einen Zweck – den Tod“

Es war eine Rede ins Herz der Deutschen: Sie traf deshalb so stark, weil Marcel Reich-Ranicki (91) am Freitag im Bundestag auf jedes Pathos verzichtete, nur berichtete, was war. Anlass genug für die Redaktion, diesem besonderen Moment viel Platz zu widmen.

Von Marcel Reich-Ranicki

Nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. 1938 war ich aus Berlin nach Polen deportiert worden. Bis 1940 machten die Nationalsozialisten aus einem Warschauer Stadtteil den von ihnen später sogenannten jüdischen Wohnbezirk. Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schließlich ich selber. Dort habe ich meine Frau kennengelernt. Seit dem Frühjahr 1942 hatten sich Vorfälle, Maßnahmen und Gerüchte gehäuft, die von einer geplanten generellen Veränderung der Verhältnisse im Ghetto zeugten. (...) Am 22. Juli fuhren vor das Hauptgebäude des Judenrates einige Personenautos vor und zwei Lastwagen mit Soldaten. Das Haus wurde umstellt.

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Den Personenwagen entstiegen etwa fünfzehn SS-Männer, darunter einige höhere Offiziere. Einige blieben unten, die anderen begaben sich forsch und zügig ins erste Stockwerk zum Amtszimmer des Obmanns, Adam Czerniaków. (...) Jetzt wurde ich (...) gerufen, jetzt bin wohl ich an der Reihe, dachte ich mir, die Zahl der Geiseln zu vervollständigen. Aber ich hatte mich geirrt. (...) Czerniaków stand, umgeben von einigen höheren SS-Offizieren, hinter seinem Schreibtisch. War er etwa verhaftet? Als er mich sah, wandte er sich an einen der SS-Offiziere, einen wohlbeleibten, glatzköpfigen Mann – es war der Leiter der allgemein Ausrottungskommando genannten Hauptabteilung, (...) der SS-Sturmbannführer Höfle. Ihm wurde ich von Czerniaków vorgestellt, und zwar mit den Worten: „Das ist mein bester Korrespondent, mein bester Übersetzer.“ Also war ich nicht als Geisel gerufen.

Höfle wollte wissen, ob ich stenographieren könne. Da ich verneinte, fragte er mich, ob ich imstande sei, schnell genug zu schreiben, um die Sitzung, die gleich stattfinden werde, zu protokollieren. Ich bejahte knapp. Daraufhin befahl er, das benachbarte Konferenzzimmer vorzubereiten. Auf der einen Seite des langen, rechteckigen Tisches nahmen acht SS-Offiziere Platz. Auf der anderen saßen die Juden: neben Czerniaków die noch nicht verhafteten fünf oder sechs Mitglieder des Judenrates, ferner der Kommandant des Jüdischen Ordnungsdienstes, der Generalsekretär des Judenrates und ich als Protokollant. (...)

Die auf die Straße hinausgehenden Fenster standen an diesem warmen (...) Tag weit offen. So konnte ich genau hören, womit sich die vor dem Haus in ihren Autos wartenden SS-Männer die Zeit vertrieben: Sie hatten wohl ein Grammophon im Wagen, einen Kofferapparat wahrscheinlich, und hörten Musik und nicht einmal schlechte. Es waren Walzer von Johann Strauß, der freilich auch kein richtiger Arier war. Das konnten die SS-Leute nicht wissen, weil Goebbels die nicht ganz rassereine Herkunft des von ihm geschätzten Komponisten verheimlichen ließ. Höfle eröffnete die Sitzung mit den Worten: „Am heutigen Tag beginnt die Umsiedlung der Juden aus Warschau. Es ist euch ja bekannt, dass es hier zuviel Juden gibt. Euch, den Judenrat, beauftrage ich mit dieser Aktion. Wird sie genau durchgeführt, dann werden auch die Geiseln wieder freigelassen, andernfalls werdet ihr alle aufgeknüpft, dort drüben.“ Er zeigte mit der Hand auf den Kinderspielplatz auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. (...)

Wir spürten, dass der vierschrötige Mann, dessen Alter ich auf mindestens vierzig schätzte – in Wirklichkeit war er erst 31 Jahre alt –, nicht die geringsten Bedenken hätte, uns sofort erschießen oder eben aufknüpfen zu lassen. Schon das – übrigens unverkennbar österreichisch gefärbte –Deutsch zeugte von der Primitivität und Vulgarität dieses SS-Offiziers. (...) Von Zeit zu Zeit warf mir Höfle einen Blick zu, um sich zu vergewissern, dass ich auch mitkäme. Ja, ich kam schon mit, ich schrieb, dass alle jüdischen Personen, die in Warschau wohnten, gleichgültig welchen Alters und Geschlechts, nach Osten umgesiedelt würden. Was bedeutete hier das Wort Umsiedlung? Was war mit dem Wort Osten gemeint, zu welchem Zweck sollten die Warschauer Juden dorthin gebracht werden? Darüber war in Höfles Eröffnungen und Auflagen für den Judenrat nichts gesagt.

Wohl aber wurden sechs Personenkreise aufgezählt, die von der Umsiedlung ausgenommen seien – darunter alle arbeitsfähigen Juden, die kaserniert werden sollten, alle Personen, die bei deutschen Behörden oder Betriebsstellen beschäftigt waren oder die zum Personal des Judenrats und der jüdischen Krankenhäuser gehörten. Ein Satz ließ mich plötzlich aufhorchen: Die Ehefrauen und Kinder dieser Personen würden ebenfalls nicht umgesiedelt.

Unten hatte man inzwischen eine andere Platte aufgelegt: Nicht laut zwar, doch ganz deutlich konnte man den frohen Walzer hören, der von „Wein, Weib und Gesang“ erzählte. Ich dachte mir: Das Leben geht weiter, das Leben der Nichtjuden. Im letzten Abschnitt der Eröffnungen und Auflagen wurde mitgeteilt, was jenen drohte, die etwa versuchen sollten, „die Umsiedlungsmaßnahmen zu umgehen oder zu stören“. Nur eine einzige Strafe gab es, sie wurde am Ende eines jeden Satzes refrainartig wiederholt: „(…) wird erschossen.“ Wenige Augenblicke später verließen die SS-Führer mit ihren Begleitern das Haus.

Kaum waren sie verschwunden, da verwandelte sich die tödliche Stille nahezu blitzartig in Lärm und Tumult: Noch kannten die vielen Angestellten des Judenrates und die zahlreichen wartenden Bittsteller die neuen Anordnungen nicht. Doch schien es, als wüssten oder spürten sie schon, was sich eben ereignet hatte – dass über die größte jüdische Stadt Europas das Urteil gefällt worden war, das Todesurteil. Ich begab mich schleunigst in mein Büro, denn ein Teil der von Höfle diktierten Eröffnungen und Auflagen sollte innerhalb von wenigen Stunden im ganzen Ghetto plakatiert werden. Ich musste mich sofort um die polnische Übersetzung kümmern. Langsam diktierte ich den deutschen Text, den meine Mitarbeiterin Gustawa Jarecka sofort polnisch in die Maschine schrieb.

Ihr also, Gustawa Jarecka, diktierte ich am 22. Juli 1942 das Todesurteil, das die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte. Als ich bei der Aufzählung der Personengruppen angelangt war, die von der Umsiedlung ausgenommen sein sollten, und dann der Satz folgte, dass sich diese Regelung auch auf die Ehefrauen beziehe, unterbrach Gustawa das Tippen des polnischen Textes und sagte, ohne von der Maschine aufzusehen, schnell und leise: „Du solltest Tosia noch heute heiraten.“ Sofort nach diesem Diktat schickte ich einen Boten zu Tosia: Ich bat sie, gleich zu mir zu kommen und ihr Geburtszeugnis mitzubringen. Sie kam auch sofort und war ziemlich aufgeregt, denn die Panik in den Straßen wirkte ansteckend. (...) Als ich Tosia sagte, wir würden jetzt heiraten, war sie nur mäßig überrascht und nickte zustimmend.

Der Theologe, der berechtigt war, die Pflichten eines Rabbiners auszuüben, machte keine Schwierigkeiten, zwei Beamte, die im benachbarten Zimmer tätig waren, fungierten als Zeugen, die Zeremonie dauerte nur kurz, und bald hatten wir eine Bescheinigung in Händen, derzufolge wir bereits am 7. März getraut worden waren. Ob ich in der Eile und Aufregung Tosia geküsst habe, ich weiß es nicht mehr. Aber ich weiß sehr wohl, welches Gefühl uns überkam: Angst – Angst vor dem, was sich in den nächsten Tagen ereignen werde. Und ich kann mich noch an das Shakespeare-Wort erinnern, das mir damals einfiel: „Ward je in dieser Laun’ ein Weib gefreit?“

Am gleichen Tag, am 22. Juli, habe ich Adam Czerniaków zum letzten Mal gesehen: Ich war in sein Arbeitszimmer gekommen, um ihm den polnischen Text der Bekanntmachung vorzulegen, die im Sinne der deutschen Anordnung die Bevölkerung des Gettos über die vor wenigen Stunden begonnene Umsiedlung informieren sollte. Auch jetzt war er ernst und beherrscht wie immer. Nachdem er den Text überflogen hatte, tat er etwas ganz Ungewöhnliches: Er korrigierte die Unterschrift. Wie üblich hatte sie gelautet: „Der Obmann des Judenrates in Warschau – Dipl.Ing. A. Czerniaków“. Er strich sie durch und schrieb statt dessen: „Der Judenrat in Warschau“. Er wollte nicht allein die Verantwortung für das auf dem Plakat übermittelte Todesurteil tragen (...).

Reich-Ranicki berichtet dann vom 23. Juli: Kurz nachdem die beiden SS-Offiziere sein Zimmer verlassen hatten, rief Czerniaków eine Bürodienerin: Er bat sie, ihm ein Glas Wasser zu bringen. Wenig später hörte der Kassierer des „Judenrates“, der sich zufällig in der Nähe von Czerniakóws Amtszimmer aufhielt, dass dort wiederholt das Telefon läutete und niemand den Hörer abnahm. Er öffnete die Tür und sah die Leiche des Obmanns des „Judenrates“ in Warschau. Auf seinem Schreibtisch standen: ein leeres Zyankali-Fläschchen und ein halbvolles Glas Wasser. Auf dem Tisch fanden sich auch zwei kurze Briefe. Der eine, für Czerniakóws Frau bestimmt, lautet: „Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben.“ Der andere Brief ist an den Judenrat in Warschau gerichtet. In ihm heißt es: „Ich habe beschlossen abzutreten. Betrachtet dies nicht als einen Akt der Feigheit oder eine Flucht. Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen. Meine Tat wird alle die Wahrheit erkennen lassen und vielleicht auf den rechten Weg des Handelns bringen (…).“

Still und schlicht war er abgetreten. Nicht imstande, gegen die Deutschen zu kämpfen, weigerte er sich, ihr Werkzeug zu sein. Er war ein Mann mit Grundsätzen, ein Intellektueller, der an hohe Ideale glaubte. Diesen Grundsätzen und Idealen wollte er auch noch in unmenschlicher Zeit und unter kaum vorstellbaren Umständen treu bleiben. Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die Umsiedlung der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck – den Tod.

Zur Person Das Leben von Marcel Reich-Ranicki (91) wurde vor allem von zwei großen Lieben bestimmt: Zum einen von der Leidenschaft für die Literatur. Zum anderen von der innigen Beziehung zu seiner Frau Teofila, die er im Warschauer Ghetto kennen lernte und mit der er fast 70 Jahre verheiratet war. Die Zeit der Judenverfolgung wurde prägend für den Sohn jüdischer Eltern, der 1920 im polnischen Wloclawek geboren wurde und im Warschauer Ghetto zunächst als Übersetzer tätig war, dann Widerstandskämpfer wurde und dem schließlich mit seiner Frau die Flucht gelang.

Seine Eltern, wie auch die seiner Frau, fielen dem Nazi-Terror zum Opfer. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre schloss er sich der polnischen Armee und den Kommunisten an. Später wurde er Diplomat in Berlin und London. Von 1973 bis 1988 leitete er die Literatur-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Einem breiten Publikum wurde er durch das Literarische Quartett (ZDF) bekannt. Seine Frau Teofila starb 2011. (dpa/jsc)

Die Personen

• Adam Czerniaków (1880-1942) war als Vorsitzender des „Judenrates“ verantwortlich für die Umsetzung deutscher Befehle im Warschauer Ghetto. Am 22. Juli 1942 erhielt er die Anweisung, Listen von täglich 6000 in den Tod zu verschleppenden Einwohnern zu erstellen. Am Folgetag nahm er sich das Leben.

• Hermann Höfle (1911-1962), SS-Sturmbannführer aus Österreich, war mit zuständig für die Verfolgung der Juden in Polen. Er organisierte die Räumung des Warschauer Ghettos. 1961 vor Gericht gestellt, erhängte er sich im August 1962 am Tag vor seiner Hauptverhandlung in Wien.

• Josef Blösche (1912-1969) war als SS-Unterscharführer an der Räumung des Warschauer Ghettos und an der Bekämpfung des Warschauer Aufstandes beteiligt. Unbehelligt lebte er in der DDR, bis er 1967 verhaftet und als Kriegsverbrecher verurteilt, 1969 per Genickschuss hingerichtet wurde.

• Der Junge: Die Identität des Jungen auf dem Foto ist ungeklärt. Tsvi Nussbaum (76) aus den USA glaubte, sich auf dem Bild zu erkennen. Verwandte meldeten Artur Dab Siemiatek (Biografie unbekannt) und Levi Zelinwarger (wurde vermutlich im KZ ermordet).

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