Ein Gespräch über Abschiede, Bestattungen und gemeinsame Rituale

Margot Käßmann: „Der Tod hat nicht das letzte Wort“

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Margot Käßmann

Die Trauerwoche endet mit diesem Totensonntag. Über die christlichen Vorstellungen von Tod und Ewigkeit sprach Tibor Pézsa mit der evangelischen Theologin Margot Käßmann.

Über den Tod zu sprechen - das ist für viele Menschen peinlich oder skandalös. Was meinen Sie, warum ist das so? 

Margot Käßmann: Alle Menschen wissen, dass sie sterben müssen, aber verdrängen die eigene Endlichkeit gerne. Ich finde es wichtig und gut, über Sterben und Tod zu sprechen, weil es wesentlich besser ist, vorbereitet zu sein, auch für die Bindungen, in denen wir stehen und für unsere Beziehungen.

Ist das kein Widerspruch zu den bildlichen Darstellungen des Todes als Sensenmann, der die Menschen ja doch vom Leben abschneidet - und damit von ihren Beziehungen? 

Käßmann: Das denke ich gerade nicht. Zum einen bin ich als Christin davon überzeugt: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Zum anderen ist meine Erfahrung als Mensch, dass das Band über den Tod hinaus doch tatsächlich die Liebe ist. Wenn wir Menschen geliebt haben, die wir verlieren, bleiben sie auf gewisse Weise präsent, in unseren Erinnerungen und unseren Gesprächen. Deshalb ist mir auch eine gute Bestattungskultur so wichtig.

Was meinen Sie damit? 

Käßmann: Wir sehen in Deutschland derzeit zwei Tendenzen. Die einen wollen die Toten am liebsten anonym verscharren. Die anderen individualisieren ganz stark. Aber wir brauchen gemeinsame Rituale des Abschieds.

Steckt hinter den anonymen Beerdigungen die Vorstellung, dass der Tod das Ende von allem ist? Finden auch deshalb so viele Menschen Gesundheit, Reisen, Erfolg so wichtig, weil dies für sie eben alles ist? 

Käßmann: Für Christinnen und Christen ist das Leben nicht nur auf sich selbst gerichtet, sondern immer ein Leben in Gemeinschaft. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - das heißt: Du darfst dich selbst lieben, bist aber immer auch auf den anderen gerichtet. Übrigens ist es auch eine empirische Erfahrung, das Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, wesentlich zufriedener sind als andere. Eine würdige Bestattung auch noch der ärmsten Sklaven gehört übrigens von Anfang an zum Christentum. Sie gilt als eines der Werke der Barmherzigkeit. Wir nehmen in Würde Abschied und erinnern den Namen des Menschen.

Warum reden moderne Theologen fast nur noch über den Himmel, wenn die Sprache auf ein Leben nach dem Tod kommt? Ist laut biblischer Überlieferung neben dem Himmel nicht auch die Hölle einer der möglichen Ewigkeitsorte? Und wer ist eigentlich böse? 

Käßmann: Das sind natürlich die ganz großen Fragen des Glaubens und der Menschheit. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass Gott auf ewig verdammt. Ich weiß wohl, dass ich das Gott überlassen muss. Ich bin überzeugt, dass wir Verantwortung für unser Leben übernehmen müssen. Aber die mittelalterliche Drohung mit endlosem Fegefeuer und Höllenqualen haben wir theologisch überwunden. Die Vorstellung vom strafenden Donnergott, der Menschen Böses tun will, ist jedenfalls nicht das jesuanische Gottesbild.

Auch die Bibel berichtet ja von Nah- und Nachtoderlebnissen, zum Beispiel in der Geschichte vom wieder zum Leben erweckten Lazarus. Ist diese Geschichte eher ein Gleichnis für unser Verhältnis zum Tod oder zum Leben? 

Käßmann: Ich denke, die Schwierigkeit, den anderen Menschen loszulassen, den wir lieben - die ist in der Geschichte vom Lazarus sehr gut beschrieben. Dass sehen wir ja heute nicht selten, dass Menschen fassungslos sind, dass ein geliebter Mensch überhaupt sterben kann. Weil sie darüber nie gesprochen haben.

Haben Sie das selbst schon erlebt? 

Kässmann: Ja, als Pfarrerin begegnet mir das bei Ehepaaren manchmal. Da hat etwa ein Paar, das 30 Jahre miteinander verbracht hat, nie darüber gesprochen, wie es sein könnte, wenn einer von beiden früher stirbt als der andere. Dabei ist das doch das Wahrscheinliche. Die Sprachlosigkeit ist dann ein großes Problem. Wollte die Mutter eine kirchliche Feier? Eine Sarg- oder eine Feuerbestattung? Es ist schon gut sich vorzubereiten, in unserer Zeit auch durch Betreuungsvollmacht, Patientenverfügung und Testament.

Werden Sie an diesem Totensonntag selbst auf einen Friedhof gehen? 

Kässmann: Ja, ich finde, das ist ein schönes Ritual. Deshalb bin ich auch dafür, Friedhöfe zu erhalten und zu pflegen. Friedhof - da kann ein Mensch auch seinen Frieden finden und über den eigenen Tod nachdenken. Wir nennen diesen Sonntag übrigens auch Ewigkeitssonntag, weil wir überzeugt sind, dass der Tod nicht eine Sackgasse ist auf dem Weg zu Gott, sondern nur eine Station.

Zur Person 

Margot Käßmann (58), 1958 in Marburg geboren, ist als Autorin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine der bekanntesten Theologinnen Deutschlands. Nach dem Studium in Tübingen, Edinburgh, Göttingen und Marburg arbeitete Käßmann als Vikarin im nordhessischen Wolfhagen, als Pfarrerin im nordhessischen Frielendorf und an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar. Von 1999 bis 2010 war Käßmann Landesbischöfin von Hannover. Dieses Amt wie auch den Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche (seit 2009) gab sie ab, nachdem sie von der Polizei als Autofahrerin mit einem hohen Alkoholwert angehalten worden war. Seit 2012 ist Käßmann Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 der EKD. Sie ist geschieden und hat vier Töchter.

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