Linken-Chef in NRW will Figur verbannen

St. Martin diskriminierend? Kulturstreit um beliebten Heiligen

Düsseldorf. Mit vielen hunderten Laternenumzügen wird derzeit an die Geschichte vom heiligen Martin erinnert, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Doch wenn es nach dem Vorsitzenden der Linkspartei in NRW geht, ist das nicht mehr zeitgemäß.

Die Laternen sind gebastelt, zehntausende Kinder ziehen singend durch die Straßen. Und nun das: Der Vorsitzende der Linkspartei in NRW, Rüdiger Sagel, will Sankt Martin als zentrale Figur des Festes aus den Kindergärten und Kitas verbannen. Mit dem Brauch würden muslimischen Kindern christliche Traditionen aufgedrängt. Auch Kita-Verantwortliche in Bochum und Bad Homburg (Hessen) wollen künftig lieber ein konfessionsloses „Sonne, Mond und Sterne“-Fest feiern.

Natürlich habe er nichts gegen die Botschaft vom Teilen und der Hilfe für die Armen, sagte der Linken-Politiker in der „Rheinischen Post“, aber: „Dazu braucht man keinen Sankt Martin, der dem Lichterzug auf dem Pferd voranreitet.“ Die Kritik an Sagels Vorstoß ist einhellig, massiv und kommt auch aus den eigenen Reihen.

Gerade noch hatte der Zentralrat der Muslime seine Sympathie für den christlichen Martin kundgetan: Der Teilnahme muslimischer Kinder an St. Martinszügen stehe nichts im Wege, hatte der Zentralrat erklärt. „Das Leben von St. Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime. Der Gedanke des Teilens spielt im Islam eine große Rolle“, befand der Vorsitzende des Zentralrats, Aiman A. Mazyek.

Sankt Martin scheint auch in Sagels Partei ausgesprochen beliebt: NRW-Linke-Geschäftsführer Sascha Wagner bekannte eilig, nachdem sich in der Parteizentrale in Bochum die wütenden Anrufe häuften: „Ich bin Atheist und zugleich ein Fan von Sankt Martin.“ Auch Sahra Wagenknecht meldete sich am Mittwoch zu Wort: St. Martin sei ein „interkulturell angenommenes Fest“, das die Linkspartei nicht abschaffen wolle, beteuerte sie.

Der Vorstoß Sagels und der Kitas sei Teil einer Strategie der „Political Correctness“, das Religiöse aus den städtischen Kitas zu verbannen, erklärte der katholische Theologieprofessor Manfred Becker-Huberti. Ein funktions- und inhaltsleeres „Lichterfest“ werde aber nicht funktionieren, so der Fachmann für religiöse Volkskunde. Es sei auch unklug und schade den Kindern, wenn sie die religiösen Traditionen nicht kennenlernen dürfen. Es spreche auch nichts dagegen, in städtischen Einrichtungen den Kindern das islamische Zuckerfest näher zu bringen.

Wie Sagel werden auch die Mitarbeiter eines städtischen Kindergartens im hessischen Bad Homburg heftig angegangen: Sie hatten das Sankt-Martins-Fest als Sonne-Mond-und-Sterne-Fest angekündigt und werden nun offenbar aus rechten politischen Kreisen bedroht. Die Kommune habe die Polizei eingeschaltet, so ein Sprecher (siehe Hintergrund unten).

Sagel bemühte sich am Mittwoch, die Wogen zu glätten und behauptete, er sei missverstanden worden. Die Reaktionen auf seinen Vorstoß seien „schockierend“ gewesen, bekannte er. Er wolle kein Verbot der Umzüge und auch nicht die Abschaffung des Heiligen Martin. „Teilen macht Spaß“ sei schließlich das Motto seiner Partei im Bundestagswahlkampf gewesen. Die Trennung von Kirche und Staat sei ihm gleichwohl ein Anliegen. (dpa)

Hintergrund: Kita-Mitarbeiter werden bedroht

Eine städtische Kindertagesstätte in Bad Homburg hat das Sankt-Martins-Fest in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest umbenannt - jetzt werden Kita-Mitarbeiter nach Angaben der Stadt in E-Mails mit Gewalt bedroht. Die Kommune wollte am Mittwoch Strafanzeige gegen die Verfasser stellen, sagte ein Sprecher am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Die Drohungen richteten sich gegen die Kita-Leitung und die Mitarbeiter; die Absender stammten aus dem Bundesgebiet. Auslöser sei offenbar ein Bericht in einem rechtsorientierten Blog.

Die Kita, die rund 100 Jungen und Mädchen besuchen, hatte das traditionelle Sankt-Martins-Fest als Sonne-Mond-und-Sterne-Fest angekündigt. Eine Abkehr vom christlichen Ursprung sei damit nicht verbunden, betonte der Stadt-Sprecher. Werte wie Teilen und Barmherzigkeit vermittele man weiterhin. Martinsfeuer und Laternenumzug würden ebenfalls beibehalten.

Der neue Name hat sich nach Darstellung der Kommune intern eingebürgert, nachdem beim Martinsfest 1998 eine Suppe mit Sonne, Mond und Sterne-Einlage gereicht worden sei: „Das hat sich verselbstständigt.“ (dpa)

Rubriklistenbild: © dpa

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