Bundesregierung startet neue Diskussion

Masern: Gesundheitsminister Spahn will Impfpflicht in Kitas und Schulen 

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Gesundheitsminister Jens Spahn fordert eine Impfpflicht für Kinder in Kitas und Schulen.

Masern sind hochansteckend und keineswegs harmlos. Immer wieder kommt es zu Ausbrüchen, obwohl man die Krankheit eigentlich ausrotten will. Kommt nun doch eine Impfpflicht?

Nach Fieber, Husten und Schnupfen folgt der charakteristische rote Hautausschlag: Angesichts einer Häufung der Masern-Fälle in Deutschland ist eine neue Debatte um die Einführung einer Impfpflicht entbrannt. Man mache sich große Sorgen über die Zunahme der ansteckenden Krankheit. Die Große Koalition erwägt deshalb nun eine Impfpflicht für Kinder.

Verbreitung der Masern

2019 gab es in Deutschland bisher 170 Masern-Erkrankungen, viele davon in Nordrhein-Westfalen. Die Zahl der Fälle schwankt stark von Jahr zu Jahr, manchmal gab es mehrere Tausend Erkrankungen. Zu Ausbrüchen kommt es öfter in Großstädten und Ballungsräumen. 

Das extrem ansteckende Masern-Virus wird durch Tröpfchen übertragen und hat dort leichtes Spiel, wo sich viele Menschen gemeinsam auf engem Raum aufhalten.

Gefahren von Masern

Bei Infizierten wird das Immunsystem geschwächt, es kann zu Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen kommen. Eine ursächliche Therapie gibt es nicht. Es ist keine harmlose Kinderkrankheit, bei 1000 Erkrankten gibt es laut Robert-Koch-Institut (RKI) einen Todesfall. 

Bei Säuglingen, so Jakob Maske, Berliner Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, „stirbt sogar eines von 300 erkrankten Kindern.“ Manchmal führt die Krankheit erst nach Jahren zum Tod, etwa bei der Masern-Gehirnentzündung SSPE – wer im Säuglingsalter an Masern erkrankt, ist besonders gefährdet.

Stand der Masern-Impfungen

Laut RKI erreichen bei der Schuleingangsuntersuchung inzwischen alle Bundesländer eine Impfquote von mindestens 95 Prozent für die erste Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Verbesserungsbedarf gebe es aber bei der zweiten Impfung, die den Impfschutz ausweiten soll. Laut RKI werden Kinder oft zu spät geimpft.

Impflücken bein jüngeren Menschen

Bei Menschen, die nach 1970 geboren wurden, fehlt oft die zweite Masernimpfung, weil diese in deren Kindheit noch nicht vorgesehen war. Später wird sie oft aus Unwissen oder Schludrigkeit nicht mehr nachgeholt. Hier liegt die Impfquote laut Robert-Koch-Institut zum Teil bei nur 30 Prozent. Infizierte Erwachsene können wiederum kleine Kinder oder Säuglinge anstecken, die (noch) nicht geimpft sind.

Impfgegner unter den Eltern

Aus Sicht von Kinderärzten sind falsche Informationen ein Grund, dass Eltern Impfungen ablehnen. „Viele Eltern sind durch Unwahrheiten im Internet und in anderen Medien verunsichert“, sagt Maske. Nach Beratungen durch Fachärzte seien die Eltern in der Regel beruhigt und ließen ihre Kinder auch impfen, so Maskes Erfahrung. „Aber bis das passiert ist, vergeht oft wertvolle Zeit, in der die Kinder nicht geschützt sind.“

Nebenwirkungen der Masern

Bei der Masernimpfung kann es zu Nebenwirkungen wie etwa angeschwollenen Lymphknoten, Ausschlag und Fieber kommen. Diese sogenannten „Impf-Masern“ sind nicht ansteckend.

Von Anja Sokolow, Gisela Gross und Janne Kieselbach (dpa)

Robert-Koch-Institut: Vorschlag kontraproduktiv

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich am Dienstag angesichts der immer noch hohen Masern-Zahlen erneut für eine Impfpflicht in Kitas und Schulen ausgesprochen. Da allerdings liegt nach Auskunft des Robert-Koch-Instituts (RKI) nicht das große Problem: „Das Hauptproblem sind die jungen Erwachsenen“, so RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher auf Anfrage unserer Zeitung. Die Jahrgänge ab 1970 hätten die größten Impflücken, das seien heute längst Erwachsene: „Um die geht es bei der Impfpflicht aber nie“.

Das RKI sei deshalb skeptisch, dass die jetzt diskutierte Maßnahme Erfolg verspreche. Bei den Zweijährigen liege die Impfquote heute bei 80 Prozent, bei Schulanfängern hätte 96 Prozent die erste und 93 Prozent die zweite Masernimpfung. Die Quote steige tendenziell seit Jahren. Zurück gehe dagegen die Zahl derer, die Impfungen strikt ablehnten. Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge sei die Quote von 2014 auf 2016 von vier auf zwei Prozent der Eltern gesunken. Es stimme also nicht, wie zuweilen verbreitet, dass immer mehr Eltern Impfungen ablehnten.

Eine Impfpflicht könne auch kontraproduktiv sein. Laut Glasmacher haben Studien von Prof. Dr. Cornelia Betsch (Universität Erfurt) ergeben, dass Zwang zur Impfung gegen eine bestimmte Krankheit dazu führe, dass andere Impfungen vernachlässigt würden.

Es wäre besser, so die RKI-Sprecherin, wenn die Energien zur Vorsorge anders eingesetzt würden – zum Beispiel, indem Ärzte ihre Patienten verstärkt auf die Notwendigkeit der Impfung aufmerksam machten und wenn die Krankenkassen ihre Mitglieder anschreiben würden.

Hilfreich könne es auch sein, wenn Kinderärzte auch die Eltern impfen dürften, die mit den Kindern in die Praxis kommen. Dies werde jedoch noch nicht von allen Kassenärztlichen Vereinigungen unterstützt.

Auch die Impfung durch Betriebsärzte könne helfen, die Hürden zu senken. Das Präventionsgesetz sehe bereits seit 2015 vor, dass Betriebsärzte auch Schutzimpfungen verabreichen können, die nicht unter die betriebliche Prävention fallen, so Glasmacher gegenüber unserer Zeitung. Aber auch dies sei noch nicht überall umgesetzt, da es Probleme mit der Abrechnung gebe. 

Laut Ärzteblatt rechnet es sich für Betriebsärzte nicht, wenn sie die Impfung mit vielen verschiedenen Krankenkassen abrechnen müssen. Für Versicherte der Barmer gilt allerdings seit dem 1. Januar, dass Betriebsärzte im Unternehmen solche Schutzimpfungen verabreichen können. Grundlage ist ein sogenannter Selektivvertrag zwischen der Barmer und der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM).

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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