Neue Eskalation in Syrien

Massenflucht wegen Gefechten in Aleppo

Beirut - Immer mehr Menschen fliehen vor den erbittert geführten Kämpfen um die nordsyrische Stadt Aleppo. US-Außenministerin Hillary Clinton fordert Pläne für ein Syrien nach Assad.

Die Gewalt in Aleppo reißt nicht ab, immer mehr Menschen fliehen vor den erbittert geführten Kämpfen um die nordsyrische Stadt. Am Dienstag seien allein bis zum Vormittag mehr als 1.300 Syrer über die Grenze gekommen, teilte ein türkischer Regierungsvertreter mit. Angesichts der zunehmend dramatischen Lage in Syrien rief US-Außenministerin Hillary Clinton zu einem verstärkten Nachdenken über die Zeit nach Präsident Baschar Assad auf. Unterdessen gerät der Iran offenbar immer mehr in den Strudel des Bürgerkriegs: Nach der Entführung von 48 Iranern am Wochenende durch die Rebellen schickte Teheran seine Vertreter nach Damaskus und Ankara.

“Die Intensität der Kämpfe in Aleppo und die Übertritte zeigen, wie wichtig es ist, dass wir uns zusammensetzen und einen guten Plan für den Übergang ausarbeiten“, sagte Clinton während eines Besuchs in Südafrika. Die USA und andere Nationen müssten dafür sorgen, dass die staatlichen Institutionen in Syrien intakt blieben, wenn Assad die Macht verliere. Sie könne nicht voraussagen, wann dies geschehen werde. “Aber ich weiß, dass es passieren wird“, sagte Clinton am Tag nach der Flucht des Ministerpräsidenten Riad Hidschab nach Jordanien.

Die Zahl der Flüchtlinge erhöhte sich unterdessen weiter. Am Dienstag seien allein fast doppelt so viele Menschen über die Grenze gekommen wie am Montag, teilte ein türkischer Regierungsvertreter mit. Die Flüchtlingswelle wird als weiteres Anzeichen dafür gewertet, dass die Gefechte um Aleppo auf einen neuen Höhepunkt zusteuern. Die Rebellen näherten sich nach Angaben von Aktivisten trotz der seit zwei Wochen andauernden Angriffe durch Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Artilleriegeschütze der Regierungstruppen immer mehr dem historischen Kern der Stadt.

Außerdem brachte die Freie Syrische Armee offenbar Verstärkung in Stellung, um die Kontrolle über die strategisch wichtige Metropole zu gewinnen. Ein im Internet von Aktivisten veröffentlichtes Video zeigte eine große Gruppe von Kämpfern mit Raketenwerfern und Maschinengewehren, die ankündigten, den übrigen Rebellen bei der “Befreiung“ der Stadt beizustehen.

Die Regierungstruppen hatten zuletzt ohne Unterlass die von den Rebellen kontrollierten Viertel beschossen, vor allem Salaheddine und andere Bezirke am südwestlichen Stadtrand. Nach Angaben örtlicher Aktivisten griffen die Gefechte am Dienstag auch auf die zentraleren Viertel Bab Dschnein and Sabi Bahrat über, was auf Vorstöße der Rebellen schließen ließ. Rund um die mittelalterliche Zitadelle, einem Wahrzeichen der Stadt, sei es ebenfalls zu Kämpfen gekommen, sagte der Aktivist Tamam Hasem. Außerdem wurde offenbar die nahe der Türkei gelegene Stadt Tal Rafaat bombardiert. Dutzende Bewohner seien über die Grenze geflohen, berichteten Aktivisten.

Iran wird tiefer in den Konflikt hineingezogen

Die Entführung von fast 50 Iranern durch syrische Rebellen ziehen derweil immer stärker den Iran in den Konflikt hinein. Um den Fall zu diskutieren, wurde der iranische Unterhändler Ali Akbar Salehi in die Türkei entsandt. Dort sollte er mit dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu zusammentreffen. Der iranische Gesandte Said Dschalili traf am Dienstag nach Angaben der amtlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA Assad. Auf Bildern des Staatsfernsehens waren die beiden im Präsidentenpalast zu sehen.

Nach Angaben der syrischen Rebellen wurden drei der Geiseln bei einem Angriff von Regierungstruppen am Stadtrand von Damaskus getötet. Auch die übrigen würden getötet werden, wenn das Bombardement nicht aufhörte, sagte ein Sprecher der Baraa-Brigaden, die sich zu der Entführung bekannten.

Zwtl.: “Wenn Aleppo fällt, wird auch das Regime fallen“

In der Türkei stieg die Zahl der Flüchtlinge auf fast 48.000. “Wir erwarten ein Massaker in Aleppo“, sagte einer von ihnen, Abu Ahmad. “Das Regime bringt Verstärkung in die Stadt, denn es fürchtet, wenn Aleppo fällt, wird auch das Regime fallen.“

Sollten die Truppen von Assad tatsächlich die Kontrolle über Aleppo verlieren, wäre das ein weiterer schwerer Schlag für das Regime. Durch die Nähe zur türkischen Grenze und zu den dort stationierten Truppen der Freien Syrischen Armee könnte die Stadt zu einer Basis für die Kräfte der Opposition werden.

Auch die Flüchtlingswelle in den Irak nimmt nach UN-Angaben inzwischen massive Ausmaße an. In den vergangenen drei Wochen seien mehr als 22.000 Iraker in ihr Land zurückgekehrt, nachdem sie vor Jahren vor der Gewalt im Irak ins Nachbarland geflohen waren, hieß es. Seit der Öffnung der Grenze am 23. Juli seien zudem 3.600 Syrer im Irak angekommen. Die britische Regierung kündigte am Dienstag an, ihre Hilfe für Flüchtlinge von drei Millionen auf 13 Millionen Pfund (16,4 Millionen Euro) zu erhöhen.

dapd

Rubriklistenbild: © ap

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