Matthias Lohr über die TV-Pause

Brief an Böhmermann: Wer austeilt, muss auch einstecken können

Jan Böhmermann will nach dem Wirbel um sein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan zunächst einmal eine vierwöchige TV-Pause einlegen. Was unser Kulturredakteur Matthias Lohr dazu meint, hat er dem Böhmermann geschrieben.

Lieber Jan Böhmermann, als ich Ihnen 2013 im Interview gestand, Sie seien für mich der neue Harald Schmidt, sagten Sie, wer als neuer Harald Schmidt gelte, habe schon verloren, und bekannten: „Da bleibe ich lieber der unbekannte kleine Wicht.“ Längst haben Sie geschafft, was Schmidt nie vermochte: gesellschaftliche Debatten anzustoßen. Das war 2015 mit dem erfundenen Varoufakis-Stinkefinger so. Und das ist nun erst recht so, nachdem Sie mit Ihrem Erdogan-Gedicht die Grenzen der Satire ausgelotet haben. 

Das war lustiger, tiefsinniger und mutiger, als es „extra 3“ und „heute-show“ je sein werden. Bisweilen nervt mich Ihre daueraufgeregte Ichbezogenheit, aber ich bin ein Fan - auch wenn man das als Journalist nicht sein sollte. Umso enttäuschter bin ich nun. Natürlich ist es richtig, dass Richter über Ihr Gedicht urteilen (und Sie höchstwahrscheinlich freisprechen werden). 

Wer will schon von der Gnade von Frau Merkel abhängig sein? Warum Sie sich nun verstecken, verstehe ich nicht. Weder auf Twitter noch anderswo stellen Sie sich Ihren Kritikern. Angeblich haben Sie sogar bei den Mächtigen und anderen Prominenten für Ihr Anliegen geworben. Das stinkt mehr als ein „Schweinefurz“, um Ihre Schmähkritik zu zitieren. Wer austeilt, muss auch einstecken können. 

In Ihrem „Neo Magazin Royale“ gibt es die Rubrik „Eier aus Stahl“. Die fehlen Ihnen jetzt. Vielleicht ist aber auch das nur Satire, und Sie wollen zeigen, dass wir alle kleine Wichte sind. Ihr Matthias Lohr 

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