Was Ost und West ein und trennt

Im Interview: Matthias Platzeck über 30 Jahre Mauerfall

Zeiten-Wende: Montagsdemonstration in Leipzig im Dezember 1989. Rund 70 000 Menschen fordern Veränderungen von der politischen Führung der DDR. Die Massenproteste hatten einen Monat zuvor zum Fall der Mauer geführt.
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Zeiten-Wende: Montagsdemonstration in Leipzig im Dezember 1989. Rund 70 000 Menschen fordern Ve ränderungen von der politischen Führung der DDR. Die Massenproteste hatten einen Monat zuvor zum Fall der Mauer geführt.

Der Sozialdemokrat im Interview: Matthias Platzeck  leitet die „Kommission 30 Jahre Deutsche Einheit“, welche die Feiern für das Jubiläum vorbereiten soll.

In diesem Jahr jährt sich der Fall der Mauer zum 30. Mal, im kommenden Jahr der Vertrag zur Deutschen Einheit.  Matthias Platzeck (65) – ehemals Bundesvorsitzender der SPD und Ex-Ministerpräsident von Brandenburg – leitet die „Kommission 30 Jahre Deutsche Einheit“, welche die Feiern für das Jubiläum vorbereiten soll. Im Interview mit HNA-Redakteurin Tatjana Coerschulte geht es um das, was Ost und West eint und trennt. 

30 Jahre Deutsche Einheit – ist zusammengewachsen, was zusammengehört?

Ich weiß nicht, ob das Zusammenwachsen, wie es sich manche vorstellen, überhaupt möglich ist oder sinnvoll wäre. Zum Beispiel ist die kulturelle Vielfalt unserer Republik ja etwas sehr Schönes, bestimmte Unterschiede inklusive. Das kann auch produktiv machen, zumindest muss es uns nicht beunruhigen. Aber: Es war mal gedacht, dass wir uns alle in diesem Land als zusammengehörig und gleichberechtigt fühlen. Und da hätte ich mir – wie viele andere auch – vor 30 Jahren vorgestellt, dass wir heute in einem anderen Zustand der gemeinsamen Verfasstheit sind.

Was meinen Sie damit?

Im Zusammenhang mit dem Jubiläum und auch mit den Landtagswahlen in Ostdeutschland sind diverse Umfragen gemacht worden. Wenn dabei 50 bis 60 Prozent der Ostdeutschen die Aussage treffen, sie fühlen sich in diesem Land zweitklassig – dann ist das kein schöner Befund. Insofern muss man auf Ihre Frage antworten: Nein, das ist noch nicht so passiert, wie wir uns das gewünscht und auch erhofft hatten.

Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg hat man den Eindruck, es gibt eine Kluft zwischen Ost und West, die es vorher noch gar nicht gegeben hat.

Vielleicht kommt die Kluft, die sich längst gebildet hatte, jetzt nur klarer zum Vorschein.

Wo sehen Sie die Ursachen für diese politische Kluft?

Eine absolut schlüssige Erklärung dafür hat niemand und es gibt auch nicht die eine Ursache. Da aber eine bestimmte Unzufriedenheit und das Gefühl der Zweitklassigkeit in allen ostdeutschen Bundesländern ähnlich vorhanden sind, trotz völlig unterschiedlicher politischer Führungen, muss es eine Ebene höher liegen – es betrifft also Ostdeutschland insgesamt. Da muss man suchen, und da wird man auch fündig.

Was genau finden Sie da?

Man muss sich ansehen, was in historisch unheimlich kurzer Zeit, im Wesentlichen innerhalb einer Generation, alles passiert ist, das von den Menschen konkret verarbeitet werden musste. Da sind die drei verschiedenen Währungen – und das würde ja für ein Leben schon reichen – noch das geringste. Es sind aber mindestens drei Ereignisse, die sich den Menschen tief eingegraben haben: von 1990 bis 1998 fand eine fast komplette Deindustrialisierung des Ostens statt, die Arbeitslosigkeit stieg nicht, sie explodierte von null auf über 30 Prozent. 

Die von Helmut Kohl geweckte Hoffnung von den bald blühenden Landschaften zerstob. Bis heute ist der Osten eine semiperiphere Ökonomie geblieben, oft nur als verlängerte Werkbank westdeutscher Konzerne. Kurz danach kam die Krise des entfesselten Finanzkapitalismus 2008/09. Bei den Ostdeutschen verstärkte sich das Gefühl: Der Staat hat da was nicht mehr wirklich im Griff. Dabei sollte man nicht vergessen, dass im Osten über Jahrzehnte gelehrt wurde, dass der Finanzkapitalismus sich um staatliche Regeln sowieso nicht kümmert. Fünf Jahre später kam die Flüchtlingskrise. Auch wo gar keine Flüchtlinge ankamen, breitete sich das Gefühl aus, von interessierter Seite natürlich entsprechend katalysiert, der Staat hat den Überblick verloren.

Die beiden letzten Punkte betrafen die Westdeutschen aber auch.

Ja, aber die Summe macht es. Dazu gibt es im Osten noch zahlreiche nur vermeintlich kleinere Faktoren. Zum Beispiel, dass er in diesen Jahren 1,2 Millionen junge Menschen verloren hat. Und zwar junge Menschen, die mutig, unternehmungslustig, gut ausgebildet waren. Das heißt, die Gesellschaft im Osten ist auf einen Ruck älter geworden, während der Westen Deutschlands mit diesen 1,2 Millionen jungen Menschen einen Jungbrunnen bekommen hat. Oder die Tatsache, dass 80 Prozent aller Leitungsfunktionen im Osten mit Westdeutschen besetzt sind. Stellen sie sich das nur mal kurz umgekehrt vor. Das hebt zumindest nicht die Stimmung.

Wie kommt das? Am Anfang war es ja klar, da haben Westdeutsche beim Aufbau Ost geholfen. Aber heute?

Dazu gibt es mittlerweile ja klare Erkenntnisse: Eliten rekrutieren sich aus Eliten, fast ein Naturgesetz. Wenn ein Professor an eine Uni berufen wird, zieht er oft seine Assistenten und andere Mitarbeiter in den folgenden Jahren nach. Deshalb hat sich die damalige Hoffnung, eine Generation später wird sich das schon einpendeln, so nicht erfüllt.

Ostdeutsche der Wende-Generation sind verbittert, wenn die Sprache auf die Treuhand kommt. Während westdeutsche Firmen die Ostliegenschaften für symbolische Preise erhielten, mussten ostdeutsche Privatleute marktübliche Preise zahlen. Was sagen Sie diesen Menschen?

Der ganze Treuhandkomplex wird ja wissenschaftlich aufgearbeitet, das ist auch nötig. Da sind mit Sicherheit Fehler passiert. Das gilt aber auch für andere Gebiete. Wir haben es seinerzeit zum Beispiel nicht vermocht, etwas ganz Einfaches zu machen – viel einfacher als einen Betrieb zu überführen: Wenn man eine kleinere, schwächere Gesellschaft – jene im Osten war schwächer, sie hat den Wettbewerb der gesellschaftlichen Systeme klar verloren – wenn man die überführt in eine wesentlich größere, stärkere und im Wettbewerb überlegene Gesellschaft, dann muss man der kleineren Haltegriffe mitgeben.

Wie kann man sich solche Haltegriffe vorstellen?

Man hätte sich ein paar Strukturen in der DDR anschauen müssen, die durchaus sinnvoll waren. Ganztagsschulen, Kitas, Polikliniken - heute haben wir das alles wieder, heißt aber oft anders. Psychologisch wäre es eminent wichtig gewesen, sowas in den Vereinigungsprozess mitzunehmen, damit Ostdeutsche nicht das Gefühl der völligen Sinnlosigkeit ihres eigenen Lebens und Tuns haben müssen.

Bei den Feiern zu 30 Jahre Deutsche Einheit möchten Sie ein „positives Grundgefühl“ erzeugen. Worauf soll es basieren?

Die Kommission 30 Jahre Deutsche Einheit gibt es, weil die Bundesregierung selbst geahnt hat, dass Einheitsfeiern nach dem Motto „zwei Buchsbäumchen, roter Teppich, Rednerpult und Helmut Kohl-Bild darüber“ wohl nicht reichen werden. Wir wollen versuchen aus diesem Jahr ein Begegnungsjahr zu machen, ein Jahr, wo wir auf beiden Seiten wieder ins Gespräch kommen und vielleicht auch beginnen, unsere eignen Vorurteile infrage zu stellen.

Welche Vorurteile meinen Sie?

Wir haben zwei vorherrschende Meinungen. Im Osten hören Sie: Die haben uns hier alles weggekauft, alle wichtigen Posten besetzt und uns nie ernst genommen. Im Westen herrscht eher ein Desinteresse dergestalt: Wir haben für die gezahlt, dass die Schwarte kracht, und jetzt wählen die nur Quark und jammern auch noch rum. Diese beiden Sichten haben sich bei vielen verfestigt. Ich möchte aber nicht, dass wir uns weiter voneinander entfernen. Die Zukunft hält absehbar große Herausforderungen für uns bereit, und die schaffen wir nur gemeinsam.

Zur Person

Matthias Platzeck 

Matthias Platzeck (65) gehörte als Parteiloser der frei gewählten letzten Volkskammer der DDR an, trat nach der Wende den Grünen bei, 1995 der SPD. Er wurde in Potsdam geboren und studierte Kybernetik in Ilmenau. Bundesweit bekannt wurde der Diplom-Ingenieur 1997, als er als Umweltminister von Brandenburg häufig im TV zu sehen war und sich den Beinamen „Deichgraf“ erwarb. 

Von 2002 bis 2013 Ministerpräsident von Brandenburg, 2005/06 Bundesvorsitzender der SPD. Platzeck wurde mehrfach durch gesundheitliche Probleme (Hörsturz, Schlaganfall) ausgebremst, womit er offen umging. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat aus seiner ersten Ehe drei Töchter.

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