HNA-Interview

Medienpsychologe zum Selfie-Trend: Suche nach Aufmerksamkeit

Zwei Drittel der deutschen Smartphone-Nutzer fotografieren sich selbst: Dieses Bild zeigt Touristen vor dem Brandenburger Tor in Berlin, die sich mithilfe eines Selfie-Sticks fotografieren. Foto: dpa

Überall sieht man Menschen, die sich selbst fotografieren. Oft riskieren sie im Selfie-Wahn sogar ihr Leben. Wir sprachen darüber mit dem Medienpsychologen Leonard Reinecke.

Herr Reinecke, was bedeutet Selfie-Machen aus medienpsychologischer Sicht? 

Leonard Reinecke: Zum einen ist es ein kommunikativer Akt. Ich stelle eine Verbindung her zwischen einem Offline-Erlebnis, das ich gerade mache, und meinem Online-Freundeskreis, der in dieser Situation nicht präsent ist. Damit schaffe ich einen Anlass, mit mir zu kommunizieren - zu kommentieren, zu liken und dementsprechend auch ein positives Feedback zu bekommen. Zum anderen ist es ein Mittel der Selbstdarstellung.

Sie meinen, positive Selbstdarstellung? 

Reinecke: In der Regel ist es ja so, dass man im Social Media vor allem positive Aspekte und Erfahrungen des Lebens betont. Auch das Selfie transportiert meist positive Botschaften, indem sich die Person in einer Situation zeigt, in der es ihr gut geht, wo sie et- was Spannendes erlebt und wo vielleicht auch der visuelle Hintergrund einen besonderen Anreiz gibt.

Was bewirkt denn dieses Sich-selbst-Fotografieren? 

Reinecke: Die positive Selbstdarstellung wirkt nach innen und nach außen. Es ist eine Möglichkeit, am eigenen Selbstbild zu arbeiten: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Wie möchte ich nach außen wirken? Und es sendet ein Signal nach außen und versucht, das Bild, das andere von mir haben, positiv zu beeinflussen. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis: Wir möchten von unserer sozialen Umwelt als attraktiv und sympathisch wahrgenommen werden. Da ist das Selfie eine neue Spielart oder auch Bühne der Konstruktion des Außenbildes.

Was macht Selfies für Teenager so interessant? 

Reinecke: Sie befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der sie sich selbst kennenlernen. Das Selfie ist daher Ausdruck von entwicklungspsychologischen Bedürfnissen. Gerade die Pubertät ist eine Sturm-und-Drang-Phase, in der die Identitätsbedürfnisse und das Bedürfnis, mit der Peergroup in Kontakt zu treten, besonders wichtig sind.

Woher kommt der Trend von Teenagern, sich für ein Selfie sogar in Gefahr zu bringen? 

Reinecke: Da kann ich nur spekulieren: Gerade in der Pubertät, wenn es darum geht, aus der Kinderrolle auszubrechen, sind das Sich-Abgrenzen von Normen der Erwachsenen und Regelverstöße besonders reizvoll. Und vielleicht ist die Darstellung des Ausbrechens aus diesen Regeln in einem Selfie eine Begleiterscheinung dieser Entwicklung.

Bisherige Unfälle durch Selfies:

Laut Bundespolizei ist das Foto-Shooting auf Gleisen besonders unter Mädchen beliebt. Vor vier Jahren erfasste im schwäbischen Memmingen ein Zug eine 13- und eine 16-Jährige. Die Ermittler entdeckten später Fotos auf deren Handys und in Profilen in sozialen Netzwerken, die sie auf den Gleisen zeigten. Zwei Jahre später kamen zwei 14 und 15 Jahre alte Freundinnen im westfälischen Lünen bei einem ähnlichen Unfall ums Leben. Auch dort fand die Polizei solche Fotos. Selfie-Unfälle werden nicht statistisch erfasst. Einzelne Fälle sind aber bekannt:

• Februar 2004: Ein österreichischer Urlauber stirbt beim Sturz vom Rand einer Klippe bei Sydney.

• August 2014: Ein Ehepaar aus Polen stürzt beim Selfie-Knipsen in Portugal von einer Klippe in den Tod; ein Wanderer aus der Schweiz will im Zittauer Gebirge in Sachsen ein Foto machen, stürzt 30 Meter in die Tiefe und stirbt; fünf Menschen fallen im spanischen Badeort Sitges bei Barcelona von einer Dachterrasse und werden schwer verletzt.

• Januar 2015: Drei indische Studenten werden beim Selfie-Machen vom Zug erfasst, nur einer überlebt.

• Juni 2015: Drei Mädchen kletterten für ein Selfie die Böschung an einer Eisenbahnbrücke in Bremen hoch und posierten auf den Gleisen. Das hätte sie beinahe getötet: Der Lokführer konnte noch bremsen, die Regionalbahn blieb wenige Meter vor den Teenagern stehen.

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