Kinderschutzambulanz hilft Ärzten in ganz Niedersachsen, Verdachtsfälle auf Kindesmissbrauch zu klären

Medizin als Anwalt der Kinder

Missbrauch auf der Spur: Anette Solveig Debertin, Leiterin der Kinderschutzambulanz, in einem Untersuchungsraum in Hannover. Foto: dpa

Hannover. Der fünfjährige Julian aus Delligsen wurde vorigen Sommer von seinem Ziehvater zu Tode geprügelt. Die vierjährige Leonie starb 2007 nach Gewaltausbrüchen des neuen Partners ihrer Mutter in einer hannoverschen Kinderklinik. Julian und Leonie hat niemand geholfen. Die niedersächsische Kinderschutzambulanz will dazu beitragen, andere geprügelte oder sexuell missbrauchte Jungen und Mädchen vor ihren Peinigern zu retten.

„Häufig werden Trennungskinder Opfer von Gewalt. Der Täter ist oft nicht blutsverwandt, beispielsweise der neue Partner der Mutter“, berichtet Anette Solveig Debertin, Leiterin der im Januar offiziell gestarteten Kinderschutzambulanz. Die Einrichtung ist am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover angesiedelt.

Die Forensiker unterstützen niedergelassene Kinderärzte sowie Klinikärzte aus ganz Niedersachsen bei der Klärung von kniffligen Verdachtsfällen von Kindesmissbrauch. Vor Gründung der Ambulanz war dies nur möglich, wenn eine Strafanzeige vorlag. Die Beratung läuft unter anderem über eine Telefon-Hotline. Befunde, Fotos oder Röntgenbilder können anonymisiert auch online übermittelt werden. Mehr als 40 Kinder im Alter von zwei Monaten bis elf Jahren sind bisher von den Experten untersucht worden, in fünf Fällen wurde der Missbrauchsverdacht entkräftet. „Hier konnten die Verdächtigen entlastet werden. Wenn sich der Verdacht allerdings bestätigt, kann unsere Diagnose vor Gericht gegen den Täter verwendet werden“, erläutert die Gerichtsmedizinerin Debertin.

Zum Team der Ambulanz gehört ein Biomechaniker, der die Art der Verletzungen analysiert und so hilft, den Tathergang zu rekonstruieren. Häufig versuchen sich Täter damit herauszureden, das Kind sei vom Wickeltisch gefallen oder die Treppe hinunter gestürzt. Jedoch gelingt es den Forensikern meist, anhand des spezifischen Verletzungsmusters zu klären, ob es ein Sturz oder Schlag war.

„So eine zentrale Einrichtung ist vernünftig, sie muss sich aber im Bewusstsein der Ärzte verankern“, sagt Tilman Kaethner, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen. In vielen Fällen seien die Familien, in denen Kinder vernachlässigt oder gar misshandelt werden, bereits den Behörden bekannt. „Oft sind die Eltern nicht böse, sondern hilflos“, meint der Arzt.

285 000 Euro vom Land

Das Sozialministerium fördert das Projekt mit 285 000 Euro. „Niedersachsen kann auf das spezialisierte Angebot der Kinderschutzambulanz stolz sein“, sagt Ministerin Aygül Özkan (CDU). (lni)

Von Stefan Zorn

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