Einer der ganz großen Intellektuellen

Mehr als ein Bestsellerautor: Nachruf auf Umberto Eco

Mit dem Bestseller „Der Name der Rose“ wurde er berühmt: Der italienische Schriftsteller Umberto Eco (hier ein Bild aus dem April 2015) starb mit 84 Jahren. Foto: dpa

Umberto Eco war anders als die anderen Schriftsteller. Unser Nachruf auf einen der ganz großen Intellektuellen.

Umberto Eco war anders als die anderen Schriftsteller. So sagt es etwa Inge Feltrinelli. Die in Göttingen aufgewachsene deutsch-italienische Verlegerin stellte einst fest: Die meisten Autoren werden unerträglich, sobald sie Weltauflagen erreichen. Der Italiener Eco jedoch sei stets „der bescheidene Intellektuelle” geblieben. Am Freitagabend ist er mit 84 Jahren an einer Krebserkrankung in Mailand gestorben.

Vor einigen Jahren waren Feltrinelli und Eco nach der Saisoneröffnung der Mailänder Scala zu einem Essen mit dem Dirigenten Daniel Barenboim und dem damaligen italienischen Regierungschef Mario Monti eingeladen. Doch der Schriftsteller ging lieber in die Pizzeria. „Er hatte keine Lust auf große Welt“, sagte Feltrinelli.

Renate Eco-Ramge

Nun hat die Welt einen ihrer größten Schriftsteller verloren. Und nicht nur das. Berühmt wurde der in der Provinzstadt Alessandria im Piemont mit seinem Weltbestseller „Der Name der Rose“. Die mit Sean Connery verfilmte Geschichte über eine mittelalterliche Mordserie in einer Benediktinerabtei war ein spannender Krimi und eine historische Zeitreise, aber auch eine geschickte Montage aus philosophischen Diskussionen und literarischen Anspielungen. Als sie 1980 erschien, war Eco schon fast 50 und längst einer der angesehensten Sprachwissenschaftler. Heute sind Universalgelehrte wie er eine aussterbende Spezies.

Eco schrieb nicht nur Bestseller über Verschwörungstheorien, sondern auch Kinderbücher und Kolumnen unter dem Titel „Streichholzbriefe“ im Magazin „L’espresso“. Er war ein humorvoller Kulturkritiker und einer der schärfsten Gegner des Populisten Silvio Berlusconi, ihm drohte er gar mit Auswanderung. Das englische Magazin „Prospect” wählte ihn 2005 hinter dem Amerikaner Noam Chomsky zum weltweit wichtigsten Intellektuellen.

Dabei sollte der Sohn eines Buchhalters eigentlich Rechtsanwalt werden. Stattdessen studierte er in Turin Philosophie und Literaturgeschichte und promovierte über die Ästhetik bei Thomas von Aquin. Für das italienische Fernsehen Rai konzipierte er ein Kulturprogramm, als Semiotikprofessor lehrte er in Bologna und schrieb zahlreiche Standardwerke. Hätten Plagiatoren wie Karl-Theodor zu Guttenberg „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“ gelesen, wären sie heute noch im Amt.

Eco, der von 39 Universitäten zum Ehrendoktor berufen wurde, musste nie zurücktreten. Nachts schrieb er Romane wie „Das Foucaultsche Pendel“, tagsüber arbeitete er für die Unesco und andere Organisationen. Nebenbei spielte er Blockflöte und sammelte in seiner Mailänder Wohnung 50 000 Bücher. Dort lebte er mit seiner aus Frankfurt stammenden Frau, der Kunstexpertin Renate Eco-Ramge, mit der er zwei Kinder hatte.

Für seine Weggefährtin Feltrinelli war er auch noch „einer der größten Comic-Experten Italiens“. Eco schrieb sogar Texte über den deutschen TV-Kommissar Derrick. Anders als andere Intellektuelle war sich der Krimi-Fan nicht zu schade für die populäre Kultur. Einmal enthüllte er in einem Interview: „Alle großen Schriftsteller, Philosophen, Dichter lesen in der Nacht Krimis und dergleichen, aber sie schämen sich dafür und sprechen nicht darüber.“ Eco war anders.

Eco in Zitaten

„Der Autor müsste das Zeitliche segnen, nachdem er geschrieben hat. Damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört.“ 

(1984 in der Nachschrift zum Roman „Der Name der Rose“)

„Um tolerant zu sein, muss man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen.“ 

(1993 in einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“)

„Es scheint, dass heute das Pflichtgebot des Journalismus lautet, um jeden Preis wieder zu publizieren, was schon an einem anderen Ort erschienen ist.“

(Über Journalismus)

„Ich wurde immer als zu gelehrt und zu philosophisch, zu schwierig dargestellt. Dann schreibe ich einen Roman, der überhaupt nicht gelehrt ist - ,Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana’ -, und von all meinen Romanen verkauft er sich am schlechtesten. Wahrscheinlich schreibe ich also für Masochisten. Nur ein paar Verleger und einige Journalisten glauben, dass die Leute einfache Sachen wollen. Die Leute haben einfache Dinge satt. Sie wollen gefordert werden.“  

(2011 in einem Interview mit dem englischen „Guardian“)

„Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist heute das wirkliche Opium des Volkes.“ 

(Über Fußball)

„Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist.“ 

(Über Weisheit)

Sein letzter Roman: Eine Hommage an die Tageszeitung

Als im September Umberto Ecos Roman „Nullnummer” erschien, wusste der Autor schon, dass es sein letztes großes Werk sein würde. In dem bei Hanser erschienenen Buch (240 Seiten, 21,90 Euro) schildert er das Schicksal einer italienischen Tageszeitung. Allzu viel Hoffnung, dass gedruckte Zeitungen auch in Zukunft gelesen werden, hatte Eco nicht. Dafür bereitete er seinen Lesern mit den Namen seiner Figuren einen schönen Spaß: Colonna, wie der zentrale Journalist des Buches heißt, und die meisten anderen Personen hat er nach Schrifttypen aus dem Textverarbeitungsprogramm Word benannt.

Sein größter Erfolg: Der Name der Rose

Umberto Ecos 1980 erschienener Roman „Der Name der Rose“ wurde in 40 Sprachen übersetzt und bis heute mehr als 14 Millionen Mal verkauft. 1986 brachten der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud und der deutsche Produzent Bernd Eichinger die Bestseller-Verfilmung mit Sean Connery als William von Baskerville (Foto) ins Kino. Ein Großteil der Innenaufnahmen wurde im Kloster Eberbach bei Eltville im Rheingau gedreht.

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