Interview: „Mehr in Bildung investieren“

Musiker Hamid Baroudi: Islamisten wollen Gläubige dumm halten

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Sieht sich als eine Stimme Nordafrikas: Der Musiker Hamid Baroudi ist Deutsch-Algerier und lebt in Kassel.

Wo stehen die Gesellschaften Marokkos, Tunesiens und Algeriens heute politisch, wirtschaftlich und kulturell? Dieser Frage ging Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei einer Reise durch die Maghreb-Staaten nach. Der Kasseler Musiker Hamid Baroudi hat ihn dabei begleitet.

Die Jugend in Algerien glaubt, dass sich der Islamismus in ihrem Land nicht mehr ausbreiten könne. Das sagt der Deutsch-Algerier Hamid Baroudi, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Der Musiker sieht sich als Stimme Nordafrikas, die den interkulturellen Austausch fördern kann.

Herr Baroudi, was kann Deutschland tun, um eine Radikalisierung in diesen Ländern zu verhindern? 

Hamid Baroudi: Deutschland muss der islamischen Welt zeigen, dass sich das Land nicht verschließt, nicht abschottet. Daher war die Reise von Frank- Walter Steinmeier auch so wichtig. Die Menschen in Deutschland sitzen vor dem Fernseher, gucken Maischberger und Günter Jauch, sehen dabei aber immer nur dieselben Gesichter. Experten, die über Probleme sprechen, die weit weg sind. Doch die Menschen in diesen Ländern wollen selbst gehört werden.

Wie sehen die Algerier die Reaktionen des Westens nach dem Attentat auf Charlie Hebdo? 

Baroudi: Viele der jungen Leute, mit denen wir gesprochen haben, haben sich gewundert, warum die Mehrheit der deutschen Muslime nach dem Attentat von Charlie Hebdo so lange geschwiegen hat – warum sie nicht sofort auf die Straße gegangen sind. Von den deutschen Muslimen wird mehr Mut gefordert, die andere Seite des Islam, die friedliche Seite, zu zeigen. Denn die Islamisten repräsentieren nicht den wahren Islam.

Sie haben in den Ländern ein großes Interesse der Menschen an Deutschland wahrgenommen. Woher kommt das? 

Baroudi: Vielleicht werden Sie lachen, aber die Antwort ist wichtig: Die Menschen in diesen Ländern brauchen Vorbilder. Und woher kommen die Vorbilder? Aus der Kunst, der Musik und dem Sport. Die letzte Fußball-Weltmeisterschaft hat die Menschen in Afrika und im Orient mitgerissen. Und sie waren begeistert von Neuer, Götze und Schweinsteiger. Das hat eine Verbundenheit zu Deutschland geschaffen.

Algerien gilt als modernes Land, in dem etwa 99 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Gibt es im Land Probleme mit Radikalisierung? 

Baroudi: Algerien ist momentan das stabilste Land in der arabischen Welt, was Radikalisierungen betrifft. Warum? Das Land hat diesen Prozess in den 90er-Jahren bereits durchgemacht. Damals im algerischen Bürgerkrieg gab es über 200 000 Opfer, Teile der Elite Algeriens wurden ausgelöscht, das Volk hat es satt. Die Algerier sagen „Wir sind immun“ gegen eine Islamisierung. Auch in Marokko haben es die Islamisten schwer, weil dort eine Monarchie herrscht und der König Theologe ist. Der kennt sich mit dem Islam gut aus und lässt sich nicht so leicht täuschen.

Warum übt der Islamismus eine solch große Anziehungskraft auf junge Menschen aus? 

Baroudi: Die Politik hat ihre wichtige Rolle verschlafen. Fast 80 Prozent der Menschen, die in den heiligen Krieg ziehen, sind ausländische Dschihadisten. Das sind oft frustrierte Männer oder Frauen von Einwandererfamilien, die hier in Deutschland beispielsweise keinen Job finden, zurückgewiesen und schikaniert werden und sich nicht akzeptiert fühlen. In den radikalen Gruppen finden sie Zugehörigkeit. Auch die Attentäter von Charlie Hebdo waren Kinder Frankreichs. Sie haben sich von der Politik vernachlässigt und weggedrängt gefühlt. In der Konsequenz rächen sie sich an der Gesellschaft, am System.

Worin liegt die Lösung? 

Baroudi: Das Problem ist, dass zu wenig in Bildung investiert wird. Die Ideologie der Terroristen ist zunächst, Schulen in die Luft zu sprengen. In Algerien haben sie damals allein 800 Schulen angezündet. Die wollen, dass die Bevölkerung dumm bleibt, weil es dann einfach ist, die Menschen zu manipulieren. Man muss die Menschen aufklären, ihnen zeigen, wo es langgeht – in den afrikanischen Ländern genauso wie in Deutschland.

Haben Sie als Musiker bessere Chancen die jungen Menschen zu erreichen? 

Baroudi: Ich denke schon. Die Jugend braucht – wie bereits erwähnt – Vorbilder und ein solches kann ich sein. Musik ist dabei sehr wichtig. Die Islamisten sagen zum Beispiel, Musik zu hören ist eine Sünde, weil sie genau wissen, welche Macht sie hat. Musik berührt die Gefühle, sie gibt Kraft und Hoffnung. Eine Textzeile kann einem viel mehr erzählen als tausend Bücher.

Zur Person

Hamid Baroudi (51) ist ein algerisch-deutscher Sänger, Gitarrist und Texter. Der politisch engagierte Musiker gilt in Algerien als Pop- und Rockstar. Er wurde 1964 in Tiaret geboren, siedelte 1981 nach Frankreich über und studierte ab 1984 an der Kunsthochschule Kassel.

Es folgten sechs Jahre als Frontsänger der Band "Dissidenten", mit der er vier Alben veröffentlicht. Es kamen weitere sechs Alben als Solokünstler. Darunter City No Mad (1994), Salama (1995), Five (1997) und TamTam a Tam (2008). Sein Song "Caravan to Bagdad" stand 1991 während des algerischen Bürgerkriegs auf der Indexliste.

Der Musiker lebt mit seiner Lebensgefährtin in Kassel.

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