Museum mitten in der Gesellschaft

Hessenpark im Taunus wird 40 Jahre alt: Mehr als nur ein Blick zurück

Die Kunst des Spinnens: Auch sie kann in Neu-Ansbach bewundert werden.

Neu-Anspach. Es war in den späten sechziger Jahren, als Fachwerk plötzlich nichts mehr galt. Die Wohnbedürfnisse auf dem Land veränderten sich, Bauern verließen die Dorfkerne Richtung Aussiedlerhof, die Mobilität wuchs, Dorfstraßen wurden verbreitert, die Häuser waren im Weg. Ein Stück Kulturgeschichte war in Gefahr.

Gottfried Kiesow, damals gerade neuer Landesdenkmalpfleger, habe in Wiesbaden immer wieder insistiert, dass ein Freilichtmuseum her müsse, um die Gebäude zu retten, erzählt Jens Scheller, seit viereinhalb Jahren Geschäftsführer der landeseigenen Hessenpark GmbH in Neu-Anspach (Hochtaunuskreis).

In diesem Jahr feiert der Hessenpark 40. Geburtstag. Der Grundstein gelegt wurde 1974, inzwischen befinden sich auf dem 65 Hektar großen Areal rund 100 Häuser, die den Besuchern das Lebensgefühl vergangener Jahrhunderte im ländlichen Raum Süd-, Mittel- und Nordhessens vermitteln sollen. Sieben Millionen Euro im Jahr stehen zur Verfügung, um rund 100 Mitarbeiter zu bezahlen, Bauunterhaltung zu betreiben und neue Projekte zu finanzieren. Rund 120 Menschen arbeiten noch dazu ehrenamtlich für den Hessenpark.

Das Museum ist weit mehr als ein großes Fachwerkdorf. Für Scheller, von Hause aus Bankkaufmann, Geograph und Kulturanthropologe, ist es ein Ort des Bewahrens und wissenschaftlichen Forschens wie andere Museen auch: „Wir schauen nicht nur in den Rückspiegel, sondern greifen gesellschaftliche Diskussionen auf“, betont der 48-Jährige.

Gesunde Ernährung, artgerechte Tierhaltung, nachhaltige Forstwirtschaft – all diese Themen sind im Hessenpark präsent, im Freien oder in Ausstellungen in den Gebäuden. Auch Integration spielt eine Rolle, etwa in der Ausstellung „Lichtblick Glas“ zur böhmischen Glasindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg im Taunus.

Im Hessenpark geht es nicht um Puppenstuben-Romantik, sondern um sozialgeschichtliche Einordnung der Lebenswelt unserer Vorfahren – wobei auch die jüngere Geschichte bald Einzug halten soll. Gleichwohl ist hier nichts graue Theorie; es ist ein Vergnügen, das weitläufige Gelände zu durchstreifen, alte Häuser und alte Handwerkstechniken zu bewundern, glückliche Schweine auf der Weide zu beobachten. Aber Vorsicht: „Wir sind kein Zoo“, betont Scheller, „unsere Schweine werden geschlachtet und gegessen.“ Dass Hygieneverordnungen bäuerlichen Traditionen selbst im Museum den Garaus machen, ist für Scheller ärgerlich, sie beförderten letztlich die industrielle Nahrungsmittelproduktion, so der Geschäftsführer, der von den Grünen kommt.

Noch viele auf dem Areal lagernde Häuser könnten aufgebaut werden, doch das ist teuer. Und nicht alle sind ausreichend dokumentiert. Doch das wird erst nach und nach wissenschaftlich untersucht.

Zu den Besonderheiten gehören zwei Synagogen. Das Gebäude aus Groß-Umstadt (Odenwald) wird mangels erhaltenen Innenlebens als Ausstellungsort zu jüdischem Leben im ländlichen Raum genutzt. Die Synagoge aus Nentershausen (Hersfeld-Rotenburg) ist komplett erhalten – inklusive des Sägeblatts, mit dem die Nazis bereits einen Balken in der Pogromnacht traktiert hatten. Doch die Zerstörung misslang.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.