Ausländische Studenten an niedersächsischen Hochschulen fühlen sich benachteiligt

Mehr isoliert als integriert

Lernen im Zimmer: Ausländische Studenten, hier an einer Leipziger Hochschule, sind in Niedersachsen oft isoliert. Foto: dpa

Hannover. „Internationale Studierende in Niedersachsen: Integriert und erfolgreich?“ Über dieses Thema diskutierten Lehrende und Studierende von niedersächsischen Hochschulen jetzt in Hannover und nur selten gab es ein klares Ja als Antwort. „Es gibt wenige Untersuchungen, was aus den bei uns studierenden Ausländern nach dem Abschluss eigentlich wird. Die meisten Unis wollen es gar nicht so genau wissen“, sagt Christian Thimme vom Deutschen Akademischen Austausch-Dienst. Die Zahlen, die er nennt, verheißen nichts Gutes: Bei den deutschen Studierenden bricht jeder vierte sein Studium ab, bei den so genannten Bildungsausländern – diejenigen, die ihre Hochschulzulassung im Ausland erworben haben – jeder zweite. Thimme: „Es gibt Defizite bei der Betreuung während des Studiums.“

„Die meisten Chinesen, die in Clausthal studieren, sind nicht integriert. Die lernen zurückgezogen in ihren Zimmern und haben kein Geld, um auf Partys zu gehen und Deutsche kennenzulernen“, sagt Peng Wu, Mitglied im Asta der Technischen Universität Clausthal. Er hat dort gerade sein Chemiestudium beendet und will nach einer Promotion noch für einige Zeit in Deutschland arbeiten, bevor er nach China zurückkehrt: „Die meisten meiner Landsleute versuchen nach der Uni in Deutschland eine Stelle zu bekommen, weil die Berufserfahrung bei einem deutschen Unternehmen für die spätere Karriere in China mindestens ebenso wichtig ist wie der Uni-Abschluss. Auf Dauer wollen in Deutschland nur die wenigsten bleiben.“

Ein Umstand, den Heinz Orlob kritisiert. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hannover fordert mehr Anstrengungen, um gut ausgebildete Fachleute aus dem Ausland langfristig hier zu halten. „Nach einer jüngsten Umfrage haben 41 Prozent der deutschen Unternehmen Probleme bei der Besetzung von Stellen für Hochschulabsolventen. In Frankreich bleiben 75 Prozent der Ausländer im Land, in Deutschland sind es nur 25 Prozent. Das muss sich ändern.“

Der Brasilianer Tharcisio Leone studiert an der Uni Hannover im fünften Semester Wirtschaftswissenschaften. Als Asta-Ausländerreferent kennt er die besonderen Probleme der von ihm betreuten Studierenden: „80 Prozent der Ausländer im Bachelor-Studium müssen arbeiten, um sich ihr Studium zu finanzieren. Einige Fakultäten sind sehr starr, wenn es um Termine für Prüfungen geht, andere sind flexibler. Viele studieren deshalb nicht das Fach, das ihnen zusagt, sondern jenes, in dem Arbeit und Studium leichter miteinander vereinbart werden kann.“

Kein Bafög

Ausländer haben keinen Anspruch auf Bafög und keine Chance auf einen Kredit, um die Studiengebühren zu finanzieren und seien dadurch benachteiligt. Die in Niedersachsen erhobenen Studiengebühren könnten ein Grund sein, warum die Zahl der Ausländer an den Unis zwischen Göttingen und Emden in den vergangenen Jahren von 14 000 auf 12 000 gesunken ist, während bundesweit die Zahl studierenden Ausländer stieg – 2011 laut Thimme um sechs Prozent auf 252 000. (lni)

Von Joachim Göres

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