Umstrittenes Nazi-Propagandawerk wird 2016 neu aufgelegt

Mein Kampf: Nachdruck soll Adolf Hitler entzaubern

Nazi-Diktator Adolf Hitler auf einer undatierten Aufnahme bei einer Rede.

München. „Mein Kampf”. Adolf Hitlers berüchtigtes Buch musste ein Bestseller werden. Brautleute bekamen es in der Nazizeit auf Staatskosten geschenkt. Als das Dritte Reich 1945 in Trümmern lag, hatte es Mein Kampf auf 1000 Auflagen mit zwölf Millionen Exemplaren gebracht.

Bis heute ist das Buch in Deutschland nicht verboten. Es darf aber nicht nachgedruckt werden, weil die Rechte beim Freistaat Bayern liegen. Bis Ende 2015.

Dann sind 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers vergangen und der antisemitische Text aus den 20er-Jahren, der die Ermordung der Juden und die Kriegsexpansion propagiert und vorwegnimmt, darf publiziert und anders als heute auch beworben werden. „Das wird auch geschehen, denn die Herausgabe von Mein Kampf ist ein gezielter Tabubruch, mit dem mit Sicherheit Menschen Geld verdienen wollen”, sagt Christian Hartmann. Der renommierte Historiker will selber das Hitler-Buch in neuer Form herausbringen.

Quellen offenlegen

Hartmann leitet am Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ein Projekt, bei dem sechs Wissenschaftler eine kommentierte Neuausgabe bis 2016 schaffen wollen. Sie soll die ideologischen Quellen offenlegen, auf die sich Hitler stützt. Seine Aussagen sollen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, das von ihm formulierte Gedankengebäude analysiert werden. Kurz gesagt: Die Autoren wollen Hitler mit wissenschaftlichen Mitteln entzaubern. Von Überlegungen, Neuausgaben ab 2016 juristisch zu verhindern, hält Hartmann nichts: „Über das Internet wird Mein Kampf sowieso schon verbreitet und dagegen gibt es keine rechtliche Handhabe. Es wäre besser gewesen, man hätte schon viel früher eine kritische Ausgabe in Angriff genommen, denn so umgibt den Text bis heute etwas Mystisches.”

Wer sich mit Mein Kampf auseinandersetzen will, das seinen Autor zum Millionär machte – Hitler sicherte sich von jedem Exemplar zehn Prozent des Verkaufspreises – braucht einen langen Atem. Kommentierungen und Fußnoten machen das 800-Seiten-Original vermutlich doppelt so dick. Dafür bekommt der Leser nicht nur einen konzentrierten Einblick in Hitlers politisches Verständnis. Es wird auch gezeigt, welche erzieherischen Vorstellungen er hatte, auf welche Rolle er Frauen reduzierte oder wie der Sport zur Schaffung eines „neuen Menschen” eingesetzt werden sollte.

Zudem wird gezeigt, wie aus der Theorie später Praxis wurde. „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben”, fordert Hitler und kritisiert damit die seiner Meinung nach lasche Praxis des Ersten Weltkrieges, in dem rund 100 deutsche Deserteure erschossen wurden. Im Zweiten Weltkrieg waren es über 40 000. „Der Text ist eine Handlungsanleitung, das sollte man nicht vergessen”, sagt Hartmann.

Von Joachim Göres

• Der Sender Deutschlandradio Kultur sendet am Mittwoch, Mittwoch, um 19.30 Uhr einen Beitrag über die Debatte um die Neuedition von Mein Kampf.

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