Streit um Schallkanonen gegen Hagel  

Mexikaner lasten VW Ernteausfall an

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Neuwagen auf dem Gelände des VW-Werkes Puebla in Mexiko. Archivfoto: Heiko Lossie/picture-alliance/dpa

Puebla. Landwirte der mexikanischen Gemeinden Puebla, Amozoc und Cuautlancingo beklagen Ernteausfälle auf 2000 Hektar bei Bohnen und Mais.

Schuld daran soll ausbleibender Regen sein - die Dürre wird Volkswagen de México und dem VW-Werk in Puebla angelastet: Dort sollen Schallkanonen Neuwagen auf riesigen Parkplätzen vor Hagelschlag bewahren. Vorwurf der Bauern: Die Böller verhindern den Regen.   

Mexikanische Bauern werfen dem deutschen Autobauer VW vor, mit Schallkanonen die seit Mai anhaltende Dürre in der Gegend um das VW-Werk Puebla bewusst provoziert zu haben. Landwirte der Gemeinden Puebla, Amozoc und Cuautlancingo beklagen Ernteausfälle auf 2000 Hektar bei Bohnen und Mais. Aus Protest besetzten sie mehrfach Zufahrten zum weltweit größten VW-Werk außerhalb Deutschlands, das 16 000 Menschen beschäftigt.

Drei Kanonen, zwei im Werk, eine auf einer angemieteten Fläche in Puebla-City, sollen laut Volkswagen de México auf Neuwagen-Parkplätzen frisch vom Band gelaufene Golfs, Jettas und Beetles vor Hagel schützen. Das Prinzip: Gasexplosionen erzeugen krachende Schallwellen in Richtung Himmel. Die wiederum sollen Luftschichten durchwirbeln und damit verhindern, dass sich an Schmutzpartikeln in heranziehenden Wolken Eis bildet.

Das Ziel: Statt Hagel, hofft man, fällt nur Regen. Der aber fehlt seit Mai in der Region völlig – obwohl in Mittelamerika eigentlich Regenzeit ist. Ebenfalls seit Mai böllert VW de México mit Anti-Eiskorn-Kanonen. 2017 seien durch Hagelschlag auf Neuwagen-Parkplätzen rund um Puebla Schäden von umgerechnet knapp 18 Mio. Euro entstanden, hieß es auf Anfrage.

„Das Unternehmen schützt seine Autos, aber 100 000 Einwohner des Umlands leiden unter den Konsequenzen. Jetzt ist alles trocken, die gesamten Ernten sind verloren“, klagen erzürnte Bauern. Sie fordern nach Medienberichten gut drei Mio. Euro Entschädigung.

Das Problem: Ob das Böllern überhaupt Hagel verhindert, ist wissenschaftlich hoch umstritten. „Extrem schwierig“, heißt es vom Deutschen Wetterdienst. „Wie will man beweisen, dass diese oder jene Wolke sich ohne Beschuss anders verhalten hätte?“ Nicht besser dürfte es um belastbare Belege dafür bestellt sein, dass VW die Dürre herbeigeschossen hat. Schließlich leidet ganz Mexiko unter Hitze und Regenmangel.

Den Konflikt mit den Bauern versuchte Volkswagen de México zuletzt zu entschärfen: Hagelkanonen feuern derzeit nicht mehr im Automatikmodus, sondern nur noch von Hand gezündet bei Bedarf, also wenn Meteorologen Hagel drohen sehen, bestätigte Volkswagen de México. Behördenerlaubnisse lägen vor, zitieren Medien vor Ort die Unternehmensleitung.

Entschädigung dementiert

Dass man den Bauern umgerechnet 7000 Euro Entschädigung pro Hektar angeboten habe, dementiert der Konzern. Immerhin wolle das Werk in Puebla jetzt 600 000 Quadratmeter Parkplatz mit Netzen überspannen, meldete gestern der US-Sender CNN. Geböllert werde bei Bedarf aber weiter. Von Plänen für einen Friedensgipfel zwischen Bauern, Behörden und VW-Abgesandten an diesem Wochenende wisse man nichts, hieß es aus dem Konzern.

Vorsichtshalber haben Bauern bereits neue Proteste angedroht, etwa die Besetzung der Autobahn zwischen Puebla und dem 100 Kilometer entfernten Mexiko-Stadt. (mit afp)

Auch Bodensee-Bauern lassen es krachen 

• So wie VW in Mexiko seine Neuwagen vor Hagelschlag schützen will, versuchen etliche Obstbauern am Bodensee ihre Kulturen lautstark vor Unbill zu bewahren, weiß die Schwäbische Zeitung: Die Antihagel-Kanonen sind eine Art langgezogene Riesentröten, deren Trichter 13 Meter hoch gen Himmel ragen. Der mit Propangas erzeugter Knall ist derart laut, dass rund herum Warnschilder stehen: „Achtung Detonationen!“ Beschwerden von genervten Anliegern sind garantiert. 

• „Das ist schon ein wenig Glaubenssache“, sagte dazu der Meteorologe Roland Roth dem Blatt. Er betreibt die Wetterwarte Süd. Seine Meinung: „Von Hagelkanonen sollte man nicht allzu viel erwarten.“ 

• Ungeschminkter formuliert Wetter-Experte Jörg Kachelmann seine Zweifel: „Dass Erwachsene glauben, ein Hagelkorn im Getöse einer Gewitterwolke, bei Sturm, Blitz und ohrenbetäubendem Donner würde einen mehrere Kilometer entfernten Bums hören und dann vor Schreck darüber auseinanderfallen ist für sich so schwachsinnig, dass man sich Sorgen machen muss.“ 

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