Interview mit dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts

Michael Buback kritisiert Ermittler: "Es ist mir unbegreiflich"

Michael Buback

Wer hat 1977 in Karlsruhe Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine beiden Begleiter erschossen? Diese Frage ist 38 Jahre nach dem Attentat immer noch ungeklärt.

Jetzt hat die Bundesanwaltschaft mitgeteilt, dass sie die unlängst aufgenommenen Ermittlungen gegen mehrere Ex-RAF-Terroristen eingestellt hat.

Michael Buback ist schwer enttäuscht vom Vorgehen der Ermittler. Der Göttinger Chemie-Professor ist der Sohn des 1977 von Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) erschossenen Generalbundesanwalts Siegfried Buback.

Herr Buback, was bedeutet die Entscheidung der Bundesanwaltschaft für Sie?

Michael Buback: Trotz einer Fülle an Zeugenaussagen und aussagekräftigen Beweismitteln haben Polizei und Justiz nicht feststellen können, wer die unmittelbaren Täter waren. Dabei erscheint mir die Aufklärung nicht besonders schwierig. Aus dem bereits damals sichergestellten tabellarischen „Arbeitsplan“ der Terroristen ergibt sich eindeutig, wer die drei Personen sind, deren Abfahrt in das Gebiet des Tatorts einstimmig beschlossen worden war.

Wie erklären Sie sich dieses Scheitern? 

Buback: Ein wesentliches Problem sehe ich darin, dass die im Jahr 2010 wegen des Karlsruher Attentats angeklagte Verena Becker mit dem Verfassungsschutz kooperiert hat. Dieser Umstand kann die Versäumnisse der Ermittler erklären, denn in der Richtlinie für die Zusammenarbeit von Verfassungsschutzbehörden mit Polizei und Strafverfolgungsbehörden in Staatsschutzangelegenheiten steht, dass die Geheimdienste Staatsanwaltschaft und Polizei zum Innehalten bei Ermittlungen bewegen können. Diese Regelung gilt insbesondere dann, wenn geheime Mitarbeiter dieser Behörden an Verfahren als Beschuldigte oder Zeugen beteiligt sind.

Diese Richtlinie muss meines Erachtens bei den Ermittlungen zum Karlsruher Attentat gewirkt und Verena Becker begünstigt haben. Nach dem rechtskräftigen Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart - sie wurde 2012 zu vier Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, was aber zu keiner Haftstrafe für sie führte - kann sie nicht mehr als Mittäterin belangt werden.

Wieso war dieses Urteil dann Anlass für die neuen Ermittlungen? 

Buback: Das Gericht hat festgestellt, dass alle RAF-Mitglieder, die bei den zwei Vorbereitungstreffen anwesend waren, die Aufgabenverteilung für das als „Aktion Margarine“ codierte Karlsruher Attentat gebilligt und verbindlich festgelegt haben. Dies trug zur Verurteilung von Verena Becker bei. Deshalb musste die Bundesanwaltschaft gegen die Teilnehmer dieser Treffen, soweit sie nicht bereits verurteilt waren oder Verfahren anhängig sind, Ermittlungen wegen des Verdachts der Verabredung zu einem Verbrechen oder der Beihilfe zum Mord einleiten.

Welche Erkenntnisse über die Täter wurden nach Ihrer Ansicht nicht beachtet? 

Buback: Im Stuttgarter Urteil von 2012 wird festgestellt, dass die drei unmittelbar am Karlsruher Attentat beteiligten männlichen RAF-Mitglieder im November 1976 bei dem Treffen im Harz anwesend waren. Die Attentäter müssen demnach aus dem Kreis der dort anwesenden, insgesamt acht namentlich bekannten Männer stammen. Drei von ihnen waren am Tattag in Amsterdam und bei ihnen kommt auch aus anderen Gründen nur Beihilfe in Betracht. Zwei weitere waren am Tattag bereits in Haft.

Wer bleibt dann als Mittäter noch übrig? 

Buback: Damit bleiben als männliche Mittäter nur drei übrig: Günter Sonnenberg, Christian Klar und Stefan Wisniewski. Bei Sonnenberg und Klar ist die Erkenntnis nicht überraschend. Es ist aber unbegreiflich, warum nicht längst gegen Wisniewski Anklage wegen Mittäterschaft erhoben worden ist. Seit 2007 ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen ihn ohne erkennbares Ergebnis. (pid)

Zur Person: Michael Buback

Michael Buback (70), in Nobitz (Thüringen) geboren, ist Professor für Technische und Makromolekulare Chemie an der Universität Göttingen. Er war 32 Jahre alt, als sein Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback, am 7. April 1977 in Karlsruhe von Mitgliedern der Rote Armee Fraktion (RAF) getötet wurde.

Michael Buback ist seit 1971 verheiratet und hat zwei Kinder. In seinem 2008 veröffentlichten Buch "Der zweite Tod meines Vaters" (Droemer Knaur) legte er seine eigenen Untersuchungen und Schlussfolgerungen zum Attentat dar und kritisiert die Arbeit der Ermittler. Das Buch gilt als einer der Anlässe für den neuen Prozess gegen die Ex-Terroristin Verena Becker vor dem Oberlandesgericht Stuttgart, der 2012 mit einer Verurteilung zu vier Jahren Haft endete. Buback trat dort als Nebenkläger auf.

Der Mord von Karlsruhe und die erfolglosen Ermittlungen

Karlsruhe, 7. April 1977: Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist in seinem Dienst-Mercedes auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, dem Bundesgerichtshof. Am Steuer sein Fahrer Wolfgang Göbel, auf der Rückbank Justizhauptwachtmeister Georg Wurster.

Siegfried Buback

Als der Wagen an einer roten Ampel hält, nähert sich von hinten ein Motorrad der Marke Suzuki. Die Ampel springt auf Gelb, die Person auf dem Rücksitz des Motorrads gibt mit einem Heckler und Koch-Schnellfeuergewehr mindestens 15 Schüsse auf die Insassen des Dienstwagens ab. Nach der Tat flüchten die Mörder zunächst mit dem Motorrad, dann mit einem in der Nähe bereitstehenden Alfa Romeo.

Später bekennt sich ein Kommando der Rote Armee Fraktion (RAF) zu der Tat. Es ist der Auftakt zu einer Reihe spektakulärer Mord- und Entführungstaten, mit denen die RAF versucht, die inhaftierte Spitze der Organisation freizupressen. Die RAF-Terroristen Christian Klar und Knut Folkerts werden Jahre später wegen der Morde in Karlsruhe verurteilt.

Nachdem Jahre später bei neuen Untersuchungen des Kuverts des Bekennerschreibens Speichelspuren des RAF-Mitgliedes Verena Becker festgestellt wurden, klagte die Bundesanwaltschaft sie wegen des Attentats an. Sie erhielt 2012 vier Jahre Haft.

Nach dem Urteil nahm die Bundesanwaltschaft erneut Ermittlungen gegen die früheren RAF-Mitglieder Rolf Heißler, Sieglinde Hofmann, Waltraud Liewald, Peter-Jürgen Boock, Adelheid Schulz und Angelika Speitel auf. Diese sollen 1977 an zwei Treffen im Harz und den Niederlanden teilgenommen haben, bei denen das Attentat auf Buback vorbereitet wurde.

In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Bundesanwaltschaft die Verfahren eingestellt hat. Ausschlaggebend für diese Entscheidung sei, dass sämtliche Beschuldigten wegen vereinigungsbezogener Straftaten bereits langjährige Freiheitsstrafen verbüßt haben, teilte ein Sprecher in Karlsruhe mit.

Bereits 2007 berichtete Spiegel Online, dass Verena Becker Anfang der 1980er-Jahre gegenüber dem Verfassungsschutz RAF-Mitglied Stefan Wisniewski - 1981 unter anderem wegen der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Schleyer zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, inzwischen aber wieder frei - als Mörder von Siegfried Buback genannt habe. (bli/pid)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.