"Nicht so lange demokratisch sozialisiert"

Interview: Medienexperte über Pegida und den Hass auf die Medien

Die Medien sind für Pegida ein rotes Tuch. „Lügenpresse“ wird auf den Demonstrationen skandiert. Medienexperte Michael Spreng erklärt warum dieser Vorwurf erhoben wird.

Herr Spreng, läuft da etwas schief zwischen den Medien und Pegida? 

Micheal Spreng: Eigentlich nicht. Die Medien beschreiben das, was ist. Und die Pegida-Leute wollen lesen, wie sie die Welt sehen. Sie wollen ihre Verschwörungstheorien und Vorurteile bestätigt bekommen. Wenn die Medien aber nur über die Realität berichten, dann widerspricht das dem Weltbild der Pegida-Leute.

Deswegen auch der Vorwurf der Lügenpresse?

Spreng: Ja. Der Begriff stammt aus der Nazizeit. Jeder, der sich weigert, das Weltbild von Pegida zu unterstützen, gilt als Feind. Ob nun die sogenannten Systemparteien oder eben die Lügenpresse. Das ist ein Verschwörungskomplex, den wir beobachten.

Hat die Berichterstattung den Protest nicht zugleich groß gemacht? 

Spreng: Nein, die Journalisten verhalten sich so, wie es ihr Job ist. Sie machen nichts anderes als aufzuklären und zu erklären. Die Medien sind allerdings nicht dafür zuständig, die Versäumnisse der Politik bei der Kommunikation nachzuholen oder vorhandene Probleme zu lösen.

Einige Politiker sagen, man müsse dennoch den Dialog suchen. Sehen Sie das genauso? 

Spreng: Die Pegida-Leute schlagen alle Einladungen zu Diskussionen aus, geben keine Interviews, schlagen die Mikrofone weg. Ich wüsste nicht, wie da ein Dialog möglich sein sollte.

Können Sie erklären, warum ausgerechnet in Dresden die Pegida-Bewegung stark ist? 

Spreng: Pegida ist offenbar ein sächsisches Sonderphänomen. Ich würde sagen, es hat auch damit zu tun, dass da viele Menschen sind, die nicht so lange demokratisch sozialisiert wurden wie andere Menschen in der Bundesrepublik. In den alten Ländern sind die Proteste gescheitert. Dort haben sich nur die üblichen Rechtsradikalen versammelt.

Aber es gibt einen starken Pegida-Tourismus in Richtung Dresden. 

Spreng: Klar, den gibt es jetzt. Weil diese Leute wissen, im Westen bekommen sie nichts auf die Beine gestellt.

Wann wird den Protesten die Luft ausgehen?

Spreng: Das ist momentan ein Hype, der auch noch durch den milden Winter verstärkt wird. Er wird sich irgendwann totlaufen. Dass die AfD nun versucht, auf der Welle mitzuschwimmen, ist der gefährliche Aspekt.

Von Hagen Strauss

ZUR PERSON:

Michael Spreng (66) ist Journalist und Politikberater. Er arbeitete für mehrere Springerzeitungen, zuletzt von 1989 bis 2000 als Chefredakteur der Bild am Sonntag. Nach Konflikten mit dem Verlag wurde ihm gekündigt. Später gründete er den Politik-Blog „Sprengsatz“.

Rubriklistenbild: © dpa

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