Ein Migrationsexperte erklärt

Warum Deutschland Merkel noch dankbar sein wird

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Wird ihr Deutschland in einigen Jahren dankbar sein? Ja, meint der Migrationsexperte Rainer Bauböck. Sie habe in der Flüchtlingskrise seiner Ansicht nach bemerkenswert gehandelt.

München - Die Flüchtlingskrise stellt die deutsche Nation massiv auf die Probe. Und doch ist sich Migrationsforscher Rainer Bauböck sicher: In zehn Jahren wird man Kanzlerin Angela Merkel dankbar sein. 

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beschäftigt und polarisiert die Gesellschaft momentan mehr als Flüchtlinge

. Dass sie für Deutschland ein Segen sein könnten, ist in der Stimmung der Bevölkerung kaum spürbar.

Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" sagte der Migrationsexperte Rainer Bauböck, Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, jedoch: "In zehn Jahren wird man einer Kanzlerin Merkel wahrscheinlich dankbar sein."

Wie kommt Bauböck also zu dieser Annahme? Langfristig gesehen, sagte Bauböck im Interview, müssten europäische Sozialstaaten auf Einwanderung setzen. Ein Blick auf Frankreich verrät, dass dort bereits seit dem 19. Jahrhundert Menschen immigrieren. In Deutschland habe sich das Bewusstsein zur Öffnung erst zur Jahrtausendwende entwickelt.

Bei Zuwanderung muss eine Gesellschaft vor allem in Bildung investieren - das fängt bei den Kleinkindern an

Als Argument, warum Deutschland Merkel noch dankbar sein werde, bringt Bauböck den demografischen Wandel. "Langfristig können europäische Sozialstaaten ihr Überalterungsproblem nur vermindern, indem sie auf Zuwanderung setzen." Die bringt im Umkehrschluss langfristig wirtschaftliche Vorteile. Allerdings räumt der Experte für soziale und politische Theorie auch ein, dass Zuwanderung nur gesund verlaufen könne, wenn sie konstant ist. Momentan ist das nicht der Fall. Doch Bauböck entkräftet eine der großen Sorgen, die im Zuge der Flüchtlingskrise aufgekommen ist: Nämlich dass Flüchtlinge den Bürgern Arbeitsplätze streitig machen könnten.

"Arbeitsmarktökonomen gelangen generell zum Schluss, dass Einwanderung nicht in einem Verdrängungswettbewerb resultieren muss." Im Niedriglohnsektor sehe es anders aus. Das sei jedoch nicht nur ein Problem durch Zuwanderung: Auch technologische Innovationen und die Auslagerung von Arbeitsplätzen bedrohen diese Stellen. Es sei deshalb an der Politik, in Bildung zu investieren. Zwar sei wissenschaftliche Forschung für einen Standort wichtig. "Aber die massivsten Investitionen braucht man bei der Grundbildung, besonders in den Volksschulen und der Vorschulerziehung. Das hilft nicht nur Flüchtlingen." Gerade im Blick auf Großbritannien zeige sich, dass dort ein Abrutschen von einheimischen weißen Arbeiterschichten auf die unterste soziale Position stattfinde. Das führe durchaus zu einer frühen Diskriminierung von Einwanderern, die die einheimische Arbeiterschicht überholen, weil sie unternehmenslustiger sind. 

Hätte sich Deutschland ebenfalls abgeschottet, hätte Merkel das Verhalten anderer Staaten legitimiert

Und wie erklärt sich der Migrationsexperte die Vorgehensweise Merkels zu Beginn der Flüchtlingskrise? "Ich war überrascht von der Haltung Angela Merkels", sagte Bauböck im Interview. "Sie ist in einer Position der innenpolitischen Stärke und hat mit keiner starken rechtspopulistischen Opposition zu kämpfen." Durch die Absetzbewegung Großbritanniens und der innenpolitischen Schwächen Frankreichs sei Deutschland zunehmend in eine Führungsrolle gedrängt worden. "Merkel ist die erste Kanzlerin, die versucht, diese Rolle auszufüllen."

Hätte sich Deutschland zu Beginn abgeschottet, hätte Merkel in dieser Situation keine europäische Lösung durchsetzen können – "denn das hätte dasselbe Verhalten aller anderen Staaten legitimiert. Daher hat sie etwas gewagt, was staatsmännisch bemerkenswert ist." 

Nun gilt es für Deutschland, diese Haltung zu nutzen, um moralischen Druck auf die übrigen Staaten auszuüben und der Kommission den Rücken zu stärken. Bauböck befürchtet aber, dass das Zeitfenster dafür sehr eng ist. Und es sich bereits zu schließen droht.

jum

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