Terror in Afghanistan

Mindestens 42 Tote bei Anschlag auf Kulturzentrum in Kabul

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Ein bewaffneter Polizist sperrt nach einem Anschlag in Kabul eine Straße ab. Foto: Massoud Hossaini/Archiv

Kabul, Aktionsfeld der Terroristen: Mehr als 20 schwere Anschläge mit Hunderten Toten gab es dort dieses Jahr. Diesmal hat sich ein Selbstmordattentäter in eine akademische Vortragsveranstaltung geschmuggelt. Es gibt wohl Verbindungen zum Krieg in Syrien.

Kabul (dpa) - Mit einem weiteren blutigen Anschlag hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der afghanischen Hauptstadt mindestens 41 Menschen ermordet und 84 weitere verletzt. Auch ein Attentäter starb.

Der Mann habe sich am Donnerstagvormittag in einem Kulturzentrum in die Luft gesprengt - als dann Menschen zu Hilfe eilten, seien vor dem Haus zwei weitere Bomben gezündet worden, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Ein Vertreter der Gemeinde, Mohammed Ali, sprach am Abend von mehr als 50 Toten. "Keiner, der in diesem Kellerraum saß, ist heil dort herausgekommen", sagte er. "Alle sind jetzt entweder tot oder verletzt."

Der Sender Tolo TV berichtete, dass in dem Haus zur Zeit des Angriffs eine akademische Veranstaltung im Gang gewesen sein, bei der es um den 38. Jahrestag der sowjetischen Invasion von Afghanistan ging. In sozialen Medien waren Bilder und Videos zu sehen, die einen blutdurchtränkten Teppich und zersplitterte schwarze Klappstühlen zeigten. Auf anderen waren reglose Körper im Hof des Hauses zu sehen. Der Sprecher des Innenministeriums sagte in einer Pressekonferenz, die meisten Opfer seien "wissensdurstige junge Leute" gewesen.

Der IS meldete sich über die üblichen Kanäle im Internet zu Wort. Offenbar hatte er das Tabian-Kulturzentrum wegen seiner Kontakte zum Iran ins Visier genommen. In seiner Erklärung hieß es, das Zentrum sei eines der "großen Zentren zur Förderung der schiitischen Glaubensrichtung in Afghanistan". Der schiitische Iran hat für den Kampf gegen den sunnitischen IS in Syrien Tausende Kämpfer rekrutiert - auch in Afghanistan. Auf der Webseite des Tabian-Zentrums steht, es habe auch ein Büro im iranischen Maschad.

Der Anschlag geschah in einem schiitischen Viertel der Stadt. Dort hat der IS in den vergangenen Monaten schon mehrere schwere Attentate verübt. Nicht weit vom Tatort hatte er im Oktober einen Selbstmordattentäter in eine schiitische Moschee geschickt. 71 Menschen starben. Die UN haben in ihren zwei jüngsten Berichten zu den zivilen Opfern des Krieges die Welle von Angriffen des IS auf Schiiten als "verstörend" herausgehoben und gewarnt, dass er versuche, Konflikte zwischen den Religionsgruppen zu entfachen.

Der IS hat in diesem Jahr in Kabul genauso viele, wenn nicht mehr Anschläge verübt als die radikalisamischen Taliban, die zahlenmäßig weitaus stärker sind als die Terrormiliz. Viele Anschläge waren besonders grausam wie die siebenstündige Schießerei im größten Militärkrankenhaus des Landes im April. Die Terroristen hatten Handgranaten in Patientenbetten geworfen. Nach offiziellen Angaben starben 49 Menschen. Inoffizielle Schätzungen gehen von doppelt so vielen Toten aus. Außerdem hat der IS in den vergangenen Wochen zweimal Kinder als Selbstmordattentäter losgeschickt.

Die Grausamkeit und Wucht der IS-Anschläge passt nicht zur offiziellen Darstellung der Regierung und ihrer internationalen Alliierten, die den IS von Anfang scharf bekämpft haben und ihn gerne kleinreden. Der Oberbefehlshaber der Nato und der US-Truppen in Afghanistan hatte erst vor kurzem gesagt, seit dem Frühjahr seien 1600 IS-Kämpfer getötet worden. Zuvor hatten internationale Militärs noch gesagt, es seien wohl nicht mehr als 700 Kämpfer übrig.

In ihrem Halbjahresbericht zu den zivilen Opfern im Juli hatten die UN darauf aufmerksam gemacht, dass der IS in den ersten sechs Monaten 2017 mehr als doppelt so viele Zivilisten getötet habe wie im gleichen Zeitraum 2016.

Die Zahl und Wucht der Anschläge des IS sowie der Taliban in der Hauptstadt widerspricht auch der Darstellung der Bundesregierung, die nach Kabul weiterhin - in begrenztem Umfang - abgelehnte Asylbewerber abschiebt und in einer "Lagebeurteilung" vom August sagt, dass sich seit Ende 2014 die Bedrohungslage für Zivilisten in Afghanistan "nicht wesentlich verändert" habe.

Schon von 2015 auf 2016 war laut UN die Anzahl der zivilen Opfer von Anschlägen in Kabul um 68 Prozent gestiegen. Seit Januar 2017 gab es dort nun mehr als 20 schwere Attentate. Mehr als 500 Menschen wurden getötet. Die Anzahl der Toten und Verletzten zusammengenommen liegt wohl weit über 1000. Bei dem schwersten Anschlag vor der deutschen Botschaft im Mai waren allein um die 150 Menschen ums Leben gekommen.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani, die UN und die Nato-Mission Resolute Support verurteilten den Anschlag scharf. Außenminister Sigmar Gabriel sagte: "Dieser heimtückische Terror richtet sich gegen Bildung, gegen freie Medien und gegen jeden Menschen, der eigenständig denkt und entscheidet. Die Absicht dahinter ist, Zwietracht und Unruhe in die afghanische Gesellschaft zu bringen. Diese böse Saat darf nicht aufgehen. Wir stehen weiter an der Seite Afghanistans und werden in unserem Engagement nicht nachlassen."

In Nordafghanistan kamen am Donnerstagmorgen sechs Kinder ums Leben, als eines auf einen an der Straße verborgenen Sprengsatz trat. Die Kinder hatten Tiere gehütet. Die Taliban legen landesweit Tausende solcher Sprengsätze, um Truppenbewegungen aufzuhalten, töten damit aber oft Zivilisten. Dem jüngsten UN-Bericht zu den zivilen Opfern des Krieges zufolge sind zwischen Januar und Ende September mehr als 800 Zivilisten von diesen Sprengfallen getötet oder verletzt worden - ein Drittel von ihnen Kinder.

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