Interview mit der hessischen Tierschutzbeauftragten

Missstände in Schlachthöfen: „Fleisch teurer bezahlen“

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Schlachten mit weniger Qualen: Qualitätsanforderungen der EU sollen das Leid der Tiere minimieren. In der Praxis sieht es oft anders aus.

Tiere sollen nach neuem EU-Recht unter weniger Qualen geschlachtet werden, Mitarbeiter in den Schlachthöfen müssen einen Nachweis für ihre Befähigung erbringen. Für Hessens Tierschutzbeauftragte, Madeleine Martin, bleibt die Realität in diesem Bereich aber deutlich hinter der Theorie zurück. Wir sprachen mit ihr.

Was bedeutet es in der täglichen Praxis, dass Beschäftigte in Schlachthöfen ihre Qualifikation für diese Tätigkeit nachweisen müssen?

Madeleine Martin: Laut EU-Gesetz muss das Personal sachkundig sein. Dafür hat der Betreiber zu sorgen. In der Ausbildung muss der tierschutzrelevante Bereich auch geschult worden sein, zum Beispiel das Betäuben und Töten von Tieren oder auch die Pflege und das Treiben. Wenn dies in der Ausbildung nicht nachgewiesen werden kann, muss eine zusätzliche Sachkundeprüfung abgelegt werden. Allerdings gibt es in Hessen hierzu keinerlei weitere Schulungsmöglichkeiten.

Welche Mitarbeiter genau müssen ihre Sachkunde nachweisen? 

Martin: Das gilt für alle, die unmittelbar mit den Tieren zu tun haben, also zum Beispiel bei der Betäubung, der Tötung, beim Abladen und beim Treiben.

Kann mit dieser Regelung die Schlachtung durch „Billigarbeiter“ aus Polen oder Rumänien eingedämmt werden? 

Martin: Das verspricht man sich zumindest davon. Ob es wirklich so kommt, muss sich erst noch zeigen. Die Befähigungsnachweise sind verbindlich, wie sie aber in der Praxis letztlich von den zuständigen Veterinärämtern interpretiert werden, wird sich zeigen. Leider zeigt die Erfahrung, dass hier häufig unterschiedlich verfahren wird. Es gibt keine deutschlandweit geltenden exakten Kriterien für die Sachkundeprüfung.

Also ist das Gesetz nicht unbedingt ein Weg zu weniger qualvollen Schlachtungen?

Martin: Für die Betriebe und Veterinärämter, die das Thema ernst nehmen, ist das ein Weg dahin. Allerdings müssen sich die Veterinärämter mehr als bislang vergewissern, dass die Sachkunde nicht nur nachgewiesen ist, sondern dann auch tatsächlich sachkundig gehandelt wird. Hessische Schlachthöfe sind leider in der Vergangenheit auch durch gravierende Missstände aufgefallen.

Welche Vorgaben für die Mitarbeiter gibt es genau? 

Martin: Es gibt beispielsweise Vorgaben beim Treiben der Tiere. Sie dürfen dabei nicht geschlagen werden. Erlaubt sind nur Klatschen, mit denen neben die Tiere geschlagen wird. Ein anderes Beispiel ist der richtige Einsatz der Betäubungszange. Der Mitarbeiter muss sich sofort versichern, dass das Tier auch richtig betäubt ist. Dabei werden bestimmte Reflexe am Tier überprüft.

Bleiben eigentlich Betäubungsmittel im Fleisch, sodass der Konsument Teile davon zu sich nimmt? 

Martin: Nein. Die Tiere werden nicht mit einem Narkotikum betäubt, sondern mit Strom oder durch einen Bolzenschuss. Das muss sorgfältig und mit Ruhe und Zeit gemacht werden. Daran mangelt es häufig.

Würde das Fleisch für den Verbraucher teurer, wenn die Schlachthöfe strengere Regeln einhalten müssten? 

Martin: Zunächst gilt es, das, was schon Gesetz ist, wirklich in den Schlachthöfen umzusetzen. Natürlich würden weitere strengere Regeln Konsequenzen für den Preis haben. Aber dazu muss man wissen, dass Fleisch in Deutschland extrem billig ist und dass das auch die nicht artgerechte gängige Tierhaltung in der Landwirtschaft und durchaus auch die Probleme an Schlachthöfen mit verursacht. Massenkonsum von Fleisch hat Folgen. Dass dieser der Gesundheit nicht zuträglich ist, kann jeder Arzt bestätigen. Wir sollten Fleisch, wenn wir es wirklich weiter essen wollen, viel teurer bezahlen und es dafür nur ein- bis zweimal in der Woche konsumieren.

Muss die Herkunft von Fleisch ähnlich wie bei Eiern für den Verbraucher gekennzeichnet werden?

Martin: Nein, zurzeit leider nicht. Ich bin der Meinung, dass Fleisch nach der Haltungsform und der Herkunft der Tiere gekennzeichnet werden müsste, damit sich der Verbraucher entscheiden kann, welche Form der Tierhaltung er unterstützen will. Freiwillige Kennzeichnungen reichen mir nicht aus.

Bestehen Chancen, dass eine solche Kennzeichnung kommt? 

Martin: Meine Wahrnehmung ist, dass die Bundespolitik das ausdrücklich nicht will. Es gibt viele Vorstöße von Tierschützern, die scheitern aber immer wieder. Von EU-Seite wurde eine Kennzeichnung schon angestrebt, dagegen leistete Deutschland Widerstand.

Zur Person

Dr. Madeleine Martin (54) ist seit 1992 Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen. Zuvor arbeitete sie als praktische Tierärztin und Amtstierärztin. Sie hat zwei Kinder und einen Hund. Sie lebt bei Wiesbaden.

Von Peter Klebe

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