Millionen Beschäftigte leiden, doch der Beweis ist schwer

Mobbing  ist kein Spaß - Fragen und Antworten zum Thema

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Nicht gerade freundlich zu seinen Kollegen: Versicherungsagent Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) löst Probleme am Arbeitsplatz auf seine Art. Im Kino läuft ab heute „Stromberg – Der Film“.

Das Thema: Es ist der absolute Büro-Wahnsinn: Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg war in der Kult-Fernsehserie ein fieser Mobber in einer Versicherungsagentur. Heute startet der Kinofilm „Stromberg  - Der Film“. Im Kino mag Mobbing lustig sein, im wirklichen Leben ist es ein gravierendes Problem.

Die Zahlen sind erschreckend. Nach einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2013 werden täglich mehr als 1,6 Millionen Arbeitnehmer gemobbt. Fast die Hälfte der Opfer erkrankt langfristig, fast ein Drittel wechselt den Arbeitsplatz, ein Fünftel kündigt. Wir beantworten wichtige Fragen.

? Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Mobbing?

! Der Begriff kommt aus dem Englischen to mob = anpöbeln, beleidigen. Es wird, versucht, die berufliche Situation, die sozialen Beziehungen oder das Ansehen der Opfer zu verschlechtern. Auch sexuelle Übergriffe gehören dazu.

? Wann genau beginnt Mobbing?

! An jedem Arbeitsplatz, an dem Kollegen nahezu täglich viele Stunden zusammensitzen, gibt es Reibungspunkte und Konflikte. Das ist nach Einschätzung von Psychologen und Arbeitsrechtlern normal und noch kein Mobbing. Kritisch wird es, wenn jemand über einen längeren Zeitraum systematisch schlecht behandelt wird. Das kann auch schon mit „kleinen“ Dingen geschehen, wie etwa, dass ein Chef bewusst Mails nicht beantwortet. Ein anderes Beispiel: Die Mitarbeiterin einer Firma durfte, um das Protokoll einer Konferenz zu erstellen, als einzige nicht an den Computer, sondern musste es per Hand schreiben. Eine andere wurde in einen winzigen Raum jenseits der anderen Kollegen versetzt.

? Gibt es Zahlen, wer wen mobbt?

! Ja. Nach der Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin wird in der Hälfte der Fälle ein Vorgesetzter als Mobber genannt. Bei gut jedem fünften Fall (22 Prozent) mobben einzelne oder mehrere Kollegen.

? Welche Folgen kann Mobbing für Betroffene haben?

! Wer gemobbt wird, leidet körperlich und seelisch. Am Anfang reagieren die Betroffenen nach Erfahrungen von Medizinern mit Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Verspannungen. Im fortgeschrittenen Stadium können ernsthaftere Erkrankungen hinzukommen wie Migräne, Angstzustände, Depressionen und Herz-Kreislauf-Probleme. Auch Tabletten- oder Alkoholabhängigkeit können die Folgen sein.

? Ist Mobbing ein Straftatbestand?

! Im deutschen Recht nicht. Einzelne Mobbinghandlungen sind jedoch strafbar und können auch angezeigt werden, zum Beispiel Tätlichkeiten, sexuelle Belästigungen, üble Nachreden (Paragraph 186 StGB), Beleidigungen (Paragraph 185 StGB). Allerdings müssen die Opfer die Vorwürfe nicht nur genau beschreiben, sondern auch beweisen, was in der Praxis schwer ist. Sollte es zu einem Prozess beim Arbeitsgericht kommen, hilft ein Mobbingtagebuch. Betroffene sollten darin jeden Vorfall mit Datum und Uhrzeit genau dokumentieren, am besten auch Zeugen dafür benennen.

? Welche Pflichten haben Arbeitgeber?

! Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht für seine Mitarbeiter. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch ist er verpflichtet, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die „jeden Beschäftigten vor Gefahren für Leib, Leben und Gesundheit schützen.“ Er muss sich darüber hinaus um „Rechtsgüter des Arbeitnehmers wie Ehre, Eigentum, Gleichbehandlung“ kümmern. In konkreten, nachweisbaren Mobbingfällen muss der Arbeitgeber einschreiten.

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Überblick: Verschiedene Formen von Mobbing

Das Bundesarbeitsgericht definiert Mobbing als „systematisches Anfeinden, Schikanieren oder Diskriminieren von Arbeitnehmern untereinander oder durch Vorgesetzte.“ Es gibt verschiedene Formen von Mobbing, die sich nicht nur auf den Arbeitsplatz beschränken. Ein Überblick:

• Verbales Mobbing: Dieses ist nicht nur durch direkte verbale Angriffe auf das Opfer gekennzeichnet, sondern auch durch tuscheln hinter dem Rücken. Opfer werden ausgelacht, ungerechtfertigt angeschuldigt oder es werden Gerüchte über sie verbreitet. Sie werden beschimpft und angeschrien, ständig kritisiert und unterbrochen.

• Physisches Mobbing:  In diesem Fall geht es nicht nur um verbale Attacken, sondern um Gewalttaten. Dies können Schläge sein, aber auch Sachbeschädigungen oder Nötigung.

• Stummes Mobbing: Für viele Betroffene kann Ignoranz noch schlimmer sein als Angriffe. Ihnen wird das Gefühl vermittelt, sie würden nicht existieren oder seien nicht wichtig genug, um überhaupt beachtet zu werden.

• Cyber-Mobbing: Mobbing im Internet spielt eine immer größere Rolle, auch weil sich immer mehr Menschen sozialen Netzwerken anschließen. Opfer werden im Netz beleidigt, es werden Gerüchte und private Daten mit der Absicht verbreitet, den Betroffenen bloßzustellen. In schlimmen Fällen werden auch Drohungen über das Internet ausgesprochen. Schließlich werden Identitäten gestohlen und – angeblich im Namen des Opfers – Beleidigungen an Vorgesetzte oder Freunde gesendet, mit oft schlimmen Folgen.

So können sich Arbeitnehmer wehren

Der Teufelskreis Mobbing kann oft nur schwer durchbrochen werden. Hier einige Tipps für Betroffene:

• Frühzeitig wehren – je früher, desto größer ist die Chance, den Konflikt im Keim zu ersticken.

• Ursache des Konflikts suchen und Lösungsvorschläge machen. • Kompromissbereitschaft zeigen.

• Kollegen ansprechen und Verbündete suchen.

• Aussprache mit dem Täter suchen.

• Mit vertrauten Personen über das Problem reden.

• Inner- und außerbetriebliche Beratungs- und Hilfsangebote nutzen.

• Rechtsberatung beispielsweise bei Gewerkschaften nutzen.

• Betriebsrat einschalten.

• Eventuell Geschäftsleitung informieren, etwa, wenn es sich beim Mobber um Vorgesetzte handelt.

• Vorgänge aufzeichnen.

• Tagesprotokoll der eigenen Arbeitsleistung anfertigen.

• Stressabbau durch Sport, Entspannung, etc.

• Professionelle Angebote, Fortbildung, Selbshilfegruppen, Beratung nutzen.

• Eine Auszeit nehmen.

• In schlimmen Fällen auch den Wechsel des Arbeitsplatzes in Betracht ziehen, um Gesundheit und Lebensqualität zu erhalten.

Das müssen Chefs beachten

Führungskräfte sollten versuchen, Mobbing in ihren Abteilungen zu verhindern. Dabei gilt es zu beachten:

• Bei Gesprächen mit Mitarbeitern immer auf sachlicher Ebene bleiben, nicht ironisch werden.

• Nicht persönlich werden, sondern auf die Arbeit eingehen.

• Immer den persönlichen Eindruck einer Sache schildern, nicht wiedergeben was Dritte denken.

• Bei eigenen Entscheidungen auf emotionale Auswirkungen bei Betroffenen achten.

• Mobbing nicht nur zum Thema machen, sondern eindeutig Stellung dagegen beziehen.

• Regelmäßige Aussprachen initiieren.

• Ansprechperson für Beschwerden nennen.

• Meinungsverschiedenheiten sofort klären.

• Gerüchte nicht ignorieren, aber kritisch bewerten.

• Mögliche Betroffene ansprechen und sich selbst gesprächsbereit geben.

Hier gibt es Hilfe

Gegen Mobbing gibt es zahlreiche Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen.

• Bereits im Jahr 2002 wurde das Netzwerk Mobbinghilfe ins Leben gerufen. Dort werden unter anderem Wege aus der Mobbingfalle und juristischer Beistand angeboten. Zu erreichen ist das Netzwerk unter www.mobbing-hilfe.de

• Hier gibt es eine Mobbing-Landkarte mit Adressen von Ansprechpartnern.

Von Peter Klebe

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