Das Emirat gilt als Partner des Westens, finanziert aber den Islamismus

Monarchen im Zwielicht - eine Katar-Analyse

+
Hilfe für die islamistische Hamas: Das damalige Oberhaupt von Katar, Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani (rechts), und Hamas-Regierungschef Ismail Hanija bei der Grundsteinlegung eines Wohn- und Geschäftszentrums im Gazastreifen Ende 2012.

Katar – das kleine Scheichtum macht zurzeit Schlagzeilen. Nicht nur wegen der Vorwürfe rund um Franz Beckenbauer und die Fußball-WM 2022, sondern auch wegen seiner weltweiten Investitionen. Das Emirat ist zur Regionalmacht am Golf aufgestiegen.

Die wirtschaftliche Stärke nutzt das Herrscherhaus zur politischen Einflussnahme: Am Anfang soll es ein Zickenkrieg gewesen sein. So will es jedenfalls die politische Legendenbildung: Suzanne Mubarak, Frau des ägyptischen Ex-Diktators, und Mouza bint Nasser, Gattin des ehemaligen Emirs von Katar, mochten sich nicht. Die Antipathie soll so ausgeprägt gewesen sein, dass sich darüber auch ihre Männer, die Staatschefs, entzweiten und schließlich die Beziehungen beider Länder litten.

Ob Legende oder Wahrheit – das kleine, aber immens reiche Scheichtum Katar unterstützte von Beginn an die Arabellion in Ägypten, die schließlich das System Mubarak stürzte. Doch es ging dem Emir aus Doha nicht um die Demokratisierung der ägyptischen Gesellschaft. Viele Petro-Dollars aus den Öl- und Gas-Geschäften Katars wurden an die ägyptischen Muslimbrüder weitergereicht, um sie als Sieger der Revolution hervorgehen zu lassen.

Die Innenpolitik

Die katarische Herrscherfamilie Al-Thani, die dem sunnitischen Islam angehört, regiert streng autoritär. Ihren Reichtum aus Öl- und Gasvorkommen haben die Monarchen in den letzten 20 Jahren in die bauliche Modernisierung und internationale Geschäfte investiert. Symbol des Fortschritts ist die Skyline der Hauptstadt Doha. Die 350 000 Staatsbürger Katars genießen anders als die Ausländer üppige staatliche Leistungen. Die Gesellschaft hat mit der baulichen Modernisierung nicht Schritt gehalten. Eine Opposition oder Demokratiebewegung gibt es nicht, Frauen sind benachteiligt.

Auch in Tunesien, dem Ursprungsland des Arabischen Frühlings, setzte Katar nicht auf den Freiheitswillen und die Reformwünsche der jungen Bevölkerung, sondern auf die sunnitischen Islamisten. Hier flossen Millionen an die Ennadha-Partei, den tunesischen Ableger der Muslimbrüder, der mittlerweile regiert und Tunesien schleichend islamisiert.

Mit der Förderung des politischen Islam verfolgt das Herrscherhaus am Persischen Golf existenzielle Eigeninteressen. Die Familie Al-Thani mit mehreren Tausend Mitgliedern, die der Glaubensrichtung der Sunniten angehören, hat seit Generationen die Macht in Katar. Sie zu erhalten und die Existenz des winzigen Emirats in einer der konfliktreichsten Weltregionen zu sichern, ist oberstes Prinzip der Außenpolitik.

Katar hat sehr früh die Islamisten als Gewinner der Arabellion eingeschätzt und sie als die kommende Kraft im nordafrikanischen und arabischen Raum angesehen. Es geht dem Scheichtum zum einen darum, die eigene Herrschaft gegen diese islamistische Strömung abzusichern. Deshalb machte man sie mit Geld zu Verbündeten.

Zum anderen versucht das Emirat zu verhindern, dass der Arabische Frühling einen demokratischen Duft vor die eigene Palasttür weht. Das Kalkül: Haben die Islamisten in jenen Ländern mit aufständischen Bewegungen Erfolg, wird die Demokratie dort im Keim erstickt. Kein Funke der Freiheit wird überspringen nach Katar, und die Al-Thani-Monarchie bleibt im eigenen Land unangetastet.

Unter diesem Aspekt ist der Machtverlust der Muslimbrüder in Ägypten vorerst nur ein Schönheitsfehler. Denn das ägyptische Militärregime garantiert aus Sicht der katarischen Scheichs Stabilität und antidemokratische Autorität.

Globaler Investor

Der katarische Staatsfonds Quatar Investment Authority beteiligt sich seit 2005 weltweit an Industriekonzernen und Immobilienprojekten. Dem Fonds gehört z.B. das Londoner Kaufhaus Harrod‘s. Mit 1,8 Milliarden Euro stieg Katar jüngst auch über eine private Investmentgesellschaft bei der Deutschen Bank ein. Damit wurde das Emirat größter Einzelaktionär. Der katarische Staatsfonds hält auch elf Prozent der Aktien des Baukonzerns Hochtief. 17 Prozent der Stammaktien von Volkswagen gehören dem Emirat, damit ist Katar drittgrößter Aktionär des Autokonzerns. Auch am britisch-niederländischen Ölriesen Shell ist Katar beteiligt.

Dem Herrscherhaus geht es laut Finanzexperten darum, sein Vermögen breit gestreut in Branchen und Märkten mit Wachstumspotenzial anzulegen. Es soll über Kurssteigerungen und Dividenden eine hohe Rendite erzielt werden. Bei langfristigem Engagement vermuten Experten ein Interesse am eigentlichen Geschäftsmodell, auf das man dann auch Einfluss nehmen wolle. Langfristig gehe es auch um neue gewinnbringende Geschäftsfelder, falls die Öl- und Gasquellen einmal versiegen.

In einem schwierigen Balanceakt hat es Katar trotz der Nähe zu den Islamisten sogar geschafft, sich als bislang zuverlässiger Partner des Westens zu positionieren. Schon lange Verbündeter der USA gegen den schiitischen Iran, flogen katarische Kampfjets an der Seite der westlichen Alliierten Angriffe gegen den libyschen Diktator Gaddafi. Dessen Regime wurde gestürzt, Katar unterstützte dort fortan die Islamisten. Auch im Bürgerkriegsland Syrien und im Irak setzte Katar auf die sunnitischen Extremisten.

Die Scheichs setzen auf Sport

Lange hat es für das katarische Herrscherhaus funktioniert: Sport sorgt für die eigene Bespaßung, macht beim katarischen Teil der Bevölkerung beliebt. Sport war gut fürs internationale Renommee und noch besser war er fürs Geschäft.

Das Renommee hat zuletzt zwar gelitten, aber ungeachtet der Korruptions-Vorwürfe bei der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar setzen die Scheichs ihre Bemühungen um die Ausrichtung internationaler Großveranstaltungen im Sport fort.

Vor kurzem vergab der Welt-Turn-Verband die Weltmeisterschaft 2018 an Katars Hauptstadt Doha. Als aussichtsreich gilt auch die Bewerbung für die Leichtathletik-WM 2019. Zuvor hatte sich das Emirat die Austragung der Weltmeisterschaften im Schwimmen auf der Kurzbahn (Dezember 2014), im Männer-Handball (Januar 2015) und im Straßen-Radsport (September 2016) gesichert.

Katar sieht sich seit Monaten mit heftigen Vorwürfen konfrontiert, bei den Vorbereitungen auf die Fußball-WM 2022 Sklavenarbeit auf den Baustellen des Landes zuzulassen und gegen Menschenrechte zu verstoßen. Viele Gastarbeiter in Katar beklagen, sie seien rechtlos und würden wie Leibeigene behandelt.

Immer wieder haben die Monarchen die Vorwürfe bestritten. Zuletzt versprachen sie Aufklärung und Besserung.

Von Jörg S. Carl

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.