Mutierte Gefahr:

Multiresistente Keime bei 30.000 Kliniktoten gefunden

Immer wieder Protest gegen zu viele Antibiotika in der Massentierhaltung: Aktivisten des Bündnisses „Meine Landwirtschaft“ demonstrieren vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Archivfoto: dpa

Kassel. Die Zahlen der gestiegenen Fälle von Menschen, die wegen eines multiresistenten Keims behandelt und isoliert werden mussten, sind erschreckend.

In allen Landkreisen unserer Region - ausgenommen Göttingen - sind in den Jahren zwischen 2010 und 2013 teils enorme Anstiege zu verzeichnen.

Bundesweit haben Ärzte laut aktuellen Recherchen der Wochenzeitung „Zeit“, „Zeit online“ und des Recherche-Teams „correct!v“ bei 30 000 Kliniktoten des vergangenen Jahres die Behandlung oder Diagnose eines der drei meistverbreiteten Keime MRSA, ESBL oder VRE (siehe Artikel rechts) abgerechnet. Ob die Patienten wirklich daran starben, lässt sich aus den Daten allerdings nicht zweifelsfrei ablesen.

Warum sich die Daten regional unterscheiden, ist nicht einfach zu beantworten. Als Ursache für die Verbreitung der Keime werden die zu schnelle Gabe von Antibiotika an Menschen, mangelnde Hygiene in Krankenhäusern und in den letzten Jahren die Verbreitung der Keime über Tiermastanlagen angeführt. Laut der Zeit-Recherche taucht zum Beispiel der MRSA-Keim besonders in Gebieten auf, wo viel Antibiotika verabreicht wird: in Krankenhäusern und in Mastbetrieben.

Das Problem: In den Mastbetrieben werden auch Reserve-Antibiotika eingesetzt. Es sind die Wirkstoffe, die im Krankenhaus zum Einsatz kommen, wenn kein normales Antibiotikum mehr wirkt. Die Zeit nennt es „Die Rache aus dem Stall.“

Während die Krankenhauskeime schon länger bekannt sind und vielerorts durch eine striktere Hygieneordnung in den Griff bekommen werden sollen, sind die Keime bei Landwirten und Mastanlagen ein recht neues Phänomen: Sie besiedeln Tiere und gehen auf Menschen über. Jeder vierte Mensch, der beruflich mit Schweinen und Hühnern zu tun hat, ist LA-MRSA positiv, trägt also den mutierten Keim aus der Landwirtschaft in sich. Bei Personen mit Tierkontakt sei nur jeder 66. betroffen, schreibt „Die Zeit“.

Die Keime kommen auch durch Abluft-Anlagen, Gülle-Dünger in Böden und Wasser, Fleisch und Gemüse zum Menschen. Sie werden ihm gefährlich, wenn er etwa wegen einer Operation geschwächt ist.

Laut Zeit-Bericht sind insgesamt nur zwei Prozent der Infektionen mit resistenten Keimen auf die Variante aus dem Stall zurückzuführen. In Gegenden mit vielen Nutztieren liegt der Anteil laut Zeit aber schon bei zehn Prozent. Tendenz steigend.

Das sind die Keime

MRSA

• Staphylococcus aureus ist ein weltweit verbreitetes Bakterium, das unter anderem auf der Haut und in den Atemwegen von mehr als 25 Prozent der Menschen vorkommt.

• Der Keim ist nach Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit am meisten in Deutschland verbreitet. Gefährlich werden kann er dann, wenn im Krankenhaus der Körper des Patienten geöffnet wird, bei invasiver Beatmung oder Einführung eines Katheter. Dann kann er in den Körper gelangen und sich vermehren.

• Die Folgen: Lungenentzündung, Blutvergiftung, bei schwachen Patienten auch der Tod.

• Die Erreger kommen vor allem da vor, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, also in Krankenhäusern und n der Landwirtschaft: Unterschieden wird deshalb zwischen dem Krankenhaus-Keim (ha-MRSA) und dem aus der Tierhaltung (la-MRSA).

• Offenbar kommt es auch zur Vermischung der beiden Keim-Varianten von Stalltier und Mensch

ESBL

• ESBL (Extended Spectrum ß-Lactamase) steht für eine Gruppe von Bakterien, die einen Stoff bilden, der Antibiotika weitgehend unwirksam macht.

• Vor wenigen Jahren wurde ESBL erstmals in Krankenhäusern nachgewiesen. Zuletzt, so meldeten andere Medien, wurde er in Wurstprodukten gefunden.

• Besiedelt vorwiegend den Darm.

VRE

• Hierbei handelt es sich um sogenannte Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), die schwer kranken Menschen gefährlich werden können.

• Der VRE-Keim ist gegen viele Antibiotika resistent, selbst gegen das hochpotente Vancomycin.

• Normalerweise sind die Bakterien gesund, vor allem für das Verdauungssystem. Bei Lebensmitteln tragen sie zum Reifungsprozess etwa bei verschiedenen Käsesorten bei.

• Sie besitzen aber latent negative Eigenschaften, denn sie können bei einigen besonders kranken Menschengruppen Infektionen auslösen.

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