Nach den Anschlägen in Brüssel: „Papa kam nicht nach Hause“

Brüssel. Es ist der Tag danach. Brüssel fühlt sich an, als habe eine neue Zeitrechnung begonnen - es gab eine Zeit vor dem 22. März und jetzt ist die Zeit danach.

Schwer bewaffnetes Militär patrouilliert - unterstützt von der Polizei - durch die Stadt. In der Häuserfront, unter der die Metro-Station Maelbeek liegt, klafft ein dunkler, schwarzer Schlund, den man mit Rollläden nur notdürftig verschlossen hat.

20 Menschen starben hier, über 100 wurden verletzt. „Du fehlst mir“, steht auf einem kleinen Zettel mit ungelenker Handschrift geschrieben, davor steht eine in Tränen aufgelöste Frau. „Er wollte doch nur mit der Metro in die Stadt fahren“, flüstert sie leise. Er, das ist ihr Sohn Stéphane. Nun liegt er da unten. Gerade mal 20 Jahre alt.

Es ist der Tag der Trauer. Um Punkt zwölf treten König Philippe und seine Frau, Königin Mathilde, im europäischen Viertel auf den Place Schuman. Für eine Minute hält Belgien den Atem an, im ganzen Land läuten die Kirchenglocken. Noch hat der Monarch, der zugleich das Staatsoberhaupt des Landes ist, nicht zu den Menschen gesprochen. Er werde es „sehr bald tun“, heißt es aus dem Palast. Er sollte es sehr schnell tun. Die Menschen brauchen etwas, woran sie sich festhalten können.

Alles Aktuelle dazu gibt es im Live-Ticker.

Trost, Zuspruch, Mitgefühl - zu grausam sind die Geschichten, die an diesem Tag nach den Anschlägen mit 31 Toten und über 270 Verletzten bekanntwerden. Wie das Schicksal der 36-jährigen Peruanerin Adelma Tapia Ruiz, die mit ihrem Mann und den vierjährigen Zwillingstöchtern am Check-In des Flughafens in Zaventem stand. Als die beiden Mädchen Maureen und Alondra spielend umherliefen, ging ihr belgischer Ehemann den Kindern nach. In dem Moment explodierte der erste Sprengsatz. Ruiz war sofort tot - vor den Augen ihres Mannes und ihrer Töchter.

Vor der Börse in der Innenstadt versammeln sich immer wieder Menschen, legen Blumen, Kerzen und Transparente nieder. „Je suis Bruxelles“ (Ich bin Brüssel) heißt es auf Transparenten. Aber auch einfach nur „Warum?“

Alexander (24) hat seinen Freund verloren. Die beiden Studenten seien an dem Dienstagmorgen spät dran gewesen. Am Umsteigebahnhof Arts-Loi eine Haltestelle vor Maelbeek hatten sie ein Wettrennen gemacht, wer die Metro, die schon eingefahren war, noch erwischt. „Er schaffte es, ich nicht“, erzählt der junge Mann. „Dann hörte ich plötzlich diese ohrenbetäubende Explosion, eine Staubwolke raste durch den Tunnel der Untergrundbahn.“ Alexander sah seinen Freund nicht wieder.

Die Stadt wirkt gespenstisch. Zwar fahren seit dem frühen Morgen die Vorortzüge wieder, um die Pendler in die City zu bringen. Doch viele Unternehmen und Behörden haben es ihren Angestellten freigestellt, zu Hause zu bleiben.

Ich kann das nicht, ich bringe es nicht fertig, meine Stadt entstellt zu erleben“, sagt eine Bekannte, die in einer Randgemeinde lebt. Am Tag zuvor hatte sie vier Stunden warten müssen, ehe sie erfahren hat, dass ihr Mann noch lebt.

In vielen Schulen, die wie zum Trotz ihren normalen Betrieb aufrechterhalten, gibt es an diesem Tag nur ein Thema: „Was habt ihr erlebt?“ Antoine (35) unterrichtet an einer Grundschule und erzählt, er habe über Stunden hinweg nur zugehört, „weil die Kinder reden wollten“. Erst gegen Ende der Schulstunde bemerkte er, dass ein Mädchen gar nichts sagte, aber mit roten Augen vor sich hinstarrte. Er habe sie angesprochen, immer wieder. Erst nach der Stunde sei sie zu ihm gekommen und hätte einfach nur leise gesagt: „Mein Papa kam gestern nicht nach Hause.“

Fabian und seine Kollegin Marie patrouillieren an diesem Mittwochmorgen vor der Börse, dort, wo die vielen Andenken für die Opfer abgelegt wurden. Beide sind schwer bewaffnet, die Gesichter mit Masken nahezu vermummt. Plötzlich eine Umarmung, eine kurze, innige Geste, als der junge Sicherheitsbeamte seine Tränen nicht mehr zurückhalten kann und seine Kollegin ihn zu trösten versucht. „Ich habe seit Dienstagmorgen nichts mehr von meiner Schwester gehört. Sie wollte zum Flughafen.“

Der 22. März 2016 hat in Brüssel alles verändert.

Lesen Sie dazu:

Türkei warnte Belgien vor Attentäter von Brüssel

Bomben-Anschläge in Brüssel: „Ich habe sofort meine Kinder angerufen“

Rubriklistenbild: © AFP

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.