Markus Nierth warb um Verständnis für Flüchtlinge

Nach Schikane durch NPD: Ein Bürgermeister gibt auf

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Markus Nierth

Tröglitz. Eigentlich hat Markus Nierth (46) alles richtig gemacht. Als der ehrenamtliche Ortsbürgermeister von Tröglitz (Sachsen-Anhalt) erfuhr, dass die von CDU-Landrat Götz Ulrich geführte Verwaltung des Burgenlandkreises 40 Asylbewerber in einem leerstehenden Haus seiner 2800-Einwohner-Gemeinde unterbringen will, hat er kurz vor Weihnachten seine Mitbürger gebeten, den Fremden eine Chance zu geben.

„Wir ahnen“, heißt es vorsorglich in dem Rundschreiben des von der CDU nominierten, parteilosen Kommunalpolitikers, „das wird Probleme geben“. Ein Vierteljahr später warf Nierth, der in seiner Patchwork-Familie sieben Kinder hat, das Handtuch.

Der 46-Jährige ist Theologe und arbeitet als freiberuflicher Trauerredner. Seine Frau betreibt eine Tanzschule im Ort. Tatsächlich sollte am Sonntag eine von NPD-Kreisrat Steffen Thiel angemeldete Demo direkt vor Nierths Wohnhaus mit einer Kundgebung enden. „Hätte ich meinen Kindern zumuten sollen“, fragt Nierths Rücktrittserklärung, „dass vor ihren Kinderzimmern bewaffnete Polizisten stehen müssen, rassistische und hasserfüllte Parolen bis dorthin dringen?“

Fassungslos machte den Bürgermeister, dass ihm die Behörden „nicht einmal einen Mindestschutz“ für seine Familie gewährten und er den so genannten Lichterspaziergang gegen die Aufnahme von Flüchtlingen vor seinem „privaten Schutzraum, meinem Hof“ ertragen sollte, den Rechtsextreme „mit ihrer braunen Gülle überkippen“ wollten.

Dass die NPD-Demo erst erlaubt und nach Nierths Rücktritt verboten wurde, dementiert Landrat Ulrich. Eine Kundgebung vor Nierths Haus sei nie genehmigt worden. Man habe vielmehr mit der Polizei die Möglichkeit eines Verbots diskutiert. Noch vor einer Entscheidung sei der Ortsbürgermeister zurückgetreten, so Ulrich gestern auf Anfrage. Wenigstens habe man dann noch erreichen können, dass die Demo „weder an Nierths Haus, noch an der Kirche vorbei führte“.

Gerüchte nährten Verunsicherung: „Hier ging es schief, weil die NPD das Thema am schnellsten besetzt hat“, sagt Pfarrer Matthias Keilholz. Seit Januar nahmen in der Großgemeinde Elsteraue im Schnitt jeweils 100 bis 150 Einheimische im Verbund mit Neonazis an sonntäglichen Spaziergängen teil, die sich gegen angeblich zu erwartende Lärmbelästigung und Verschmutzung, Anstieg von Straftaten, erhöhte Polizeipräsenz und Preisverfall der Grundstücke richten.

Nierth wurde angepöbelt, bedroht und Zielscheibe der NPD, die einen Sitz im Gemeinderat Elsteraue hat. Bislang ist noch kein Flüchtling in Tröglitz angekommen. Am Sonntag eilte dafür Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) nach Tröglitz, um bei einem Friedensgebet ein Zeichen für Weltoffenheit zu setzen: Flüchtlinge seien in Sachsen-Anhalt willkommen. Der Fall Nierth dürfe sich nicht wiederholen, sagte Stahlknecht gestern. Bis spätestens kommende Woche wolle er anordnen, dass Kreise und kreisfreie Städte Demos vor den Häusern ehrenamtlicher Politiker verbieten.

Drei Fragen an Markus Nierth

Im Interview schildert Tröglitz’ Ortsbürgermeister Markus Nierth (46) Hintergründe seines Rücktritts.

Herr Nierth, Sie waren fünfeinhalb Jahre im Amt. Wann sind Sie mit der NPD aneinandergeraten?

Markus Nierth: Ich will betonen, dass ich nicht aus Angst und Druck vor Rechtsradikalen zurückgetreten bin. Mir fehlte der gesellschaftliche Mindestschutz. Darüber bin ich enttäuscht. Der Landkreis hat es nicht geschafft, die Demonstration vor dem Haus meiner Familie zu verhindern. Seit mehreren Wochen wird in Tröglitz ähnlich wie bei Pegida in Dresden demonstriert. Am Anfang waren unter den 90 Demonstranten noch etwa 60 Tröglitzer, besorgte Bürger. Inzwischen fährt die NPD viele Unterstützer heran, unter den Demonstranten sind nur noch wenige Tröglitzer. Meine Frau und ich wurden zur persönlichen Zielscheibe.

Ist Tröglitz ein braunes Nest?

Nierth: Nein, wir sind kein radikales Nest. Aber es fehlen die Sozialstrukturen. Dass im Ort 40 Asylbewerber untergebracht werden sollen, hätte anders vorbereitet werden müssen. So wurde Politikverdrossenheit noch verstärkt.

Gibt es noch einen Weg zurück in Ihr Ehrenamt?

Nierth: Ich liebe mein Tröglitz. Aber es fehlt der Rückhalt aus der anständigen Menge. Bislang fühle ich mich als alleinrotierender Motor, an dessen Seite eine Handvoll Leute sind, die mitziehen. Die Menschen müssten aufstehen und aktiver werden. Von den politischen Parteien fühle ich mich alleingelassen. Außerdem bräuchte ich die Rechtssicherheit, dass mein privates Wohnhaus geschützt wird. Ich wäre nicht zurückgetreten, wenn ich die Rechtssicherheit gehabt hätte. Ich als kleiner Ortsbürgermeister bin geopfert worden.

Gegen Fremdenfeindlichkeit: Helfernetzwerke in unserer Region

• Die Stadt Melsungen (Schwalm-Eder-Kreis) hat eine Flüchtlings-AG mitgegründet. Unter anderem sollen Patenschaften vermittelt werden. Seit Jahresbeginn gibt es eine Integrationskoordinatorin. Sie kümmert sich um Flüchtlinge, vermittelt Hilfe und ruft zu Spenden auf.

• In Lichtenfels-Fürstenberg (Landkreis Waldeck-Frankenberg) leben bis zu 50 Flüchtlinge in einer Gemeinschaftsunterkunft. Die Menschen in dem kleinen Dorf sind sehr bemüht, die Asylbewerber zu integrieren. Freiwillige geben ihnen Deutsch-Unterricht. Zum Seniorennachmittag im Advent waren alle Flüchtlinge eingeladen. Einige Eritreer spielen seit Monaten bei der SG Fürstenberg/Immighausen Fußball.

• Pläne der Kreisverwaltung Hersfeld-Rotenburg, den Waldgasthof Immensee in Ronshausen als Flüchtlingsunterkunft anzumieten, erregten zunächst Unmut – es ging um eins der letzten Ausflugsziele am Ort. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, schlug den Flüchtlingen aber eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegen.

• In Südniedersachsen versucht das Diakonische Werk des Kirchenkreises Leine-Solling freiwilliges Engagement ehrenamtlicher Helfer in einer Datenbank besser zu vernetzen.

• In Gilserberg (Schwalm-Eder-Kreis) soll ein Bio-Hotel bis zu 90 Flüchtlinge aufnehmen. Der Hotelier, der sein Haus an den Landkreis vermietet, ist massiv bedroht worden.

• In Treysa kümmert sich ein Arbeitskreis für Toleranz und Menschenwürde seit über 20 Jahren um Asylbewerber in der Harthberg-Kaserne.

• In und um Wolfhagen herum sind 300 Flüchtlinge untergebracht. 30 Helfer im „Ökumenischen Arbeitskreis Flüchtlingshilfe“ engagieren sich: Zur Wahrheit gehört auch, dass bei einer Infoveranstaltung eine Frau Bürgermeister Schaake ins Gesicht schlug.

• Helfernetzwerke gibt es auch in Frankenberg, Battenberg, Oberweser, Hofgeismar, Trendelburg/Deisel.

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