Nach zwölf Tagen im „schwarzen Loch“

Nach Vergiftung: Pussy-Riot-Aktivist verdächtigt Geheimdienst

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Pjotr Wersilow war einer der Flitzer beim WM-Finale 2018 in Russland.

Der mutmaßlich vergiftete Pussy-Riot-Aktivist Pjotr Wersilow ist aufgewacht. Nun spricht er in einem Interview über den Anschlag, seinen Zustand und seine Zukunft.

Update vom 29. Juli 2019: In Russland könnte es Aufruhr um mutmaßlichen Einsatz von Gift gegen Regierungskritiker geben: Der Politiker Alexej Nawalny ist während einer 30-tägigen Haftstrafe zwischenzeitlich in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Seine Anwältin geht von einer Vergiftung aus.

Nach Vergiftung: Pussy-Riot-Aktivist verdächtigt Geheimdienst

Berlin - Der Pussy-Riot-Aktivist Pjotr Wersilow erholt sich langsam von seiner Vergiftung in die Charité in Berlin. Nach zwölf Tagen im „schwarzen Loch“, wie er am Dienstag auf Twitter seinen Zustand selbst beschreibt, ist er seit einigen Tagen wach und befindet sich außer Lebensgefahr. Der 30-jährige Wersilow, der die russische und kanadische Staatsangehörigkeit besitzt, war am 11. September wenige Stunden nach einem Gerichtstermin in Moskau zunächst in ein Moskauer Krankenhaus gebracht und später zur Behandlung nach Berlin geflogen worden. Die deutschen Ärzte halten eine Vergiftung für wahrscheinlich.

Pjotr Wersilow habe seine Tage in "guter Gesellschaft von wundersamen Giften" verbracht, schrieb er. Dabei schloss er zugleich aus, dass es sich um Polonium 210 oder Nowitschok gehandelt habe. Es sei vielmehr etwas "Neuartiges und Überraschendes" gewesen, schrieb Wersilow.

2006 war der einstige KGB-Agent und spätere Kreml-Gegner Alexander Litvinenko in London mit hochradioaktivem Polonium 210 vergiftet worden und gestorben. Anfang März dieses Jahres waren der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia in der südenglischen Stadt Salisbury durch das in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden und nur knapp dem Tode entronnen.

Pjotr Wersilow will weiter kämpfen

In einem Exklusiv-Interview mit Bild sprach Pjotr Wersilow nun über sein Befinden, seine Zukunft und den angeblichen Attentäter. Am Montag war er erst aus der Intensivstation entlassen. „Ich habe keine Angst. Ihr im Westen versteht das nicht: Wir leben als Aktivisten seit Jahren immer mit einer gewissen Gefahr, das ist nichts besonderes“, erklärt er gegenüber der Bild. Trotzdem will Pjotr Wersilow zurück nach Russland - und zwar so schnell wie möglich.

Seiner Freundin Veronika Nikulshina gefällt das gar nicht. Sie gehe davon aus, dass „diejenigen, die ihn einmal vergiftet haben, es wieder versuchen werden“, sagte sie in dem Interview. Daher wolle sie nicht, dass Pjotr nach Russland zurückkehrt.

Ihr verdankt Pjotr Wersilow immerhin sein Leben, denn sie war es, die den Notarzt verständigt hatte. Sie erzählt: „Ich wusste zunächst nicht, was passiert, aber sein Herzschlag war so schnell und seine Verwirrung so akut, dass ich in der Nacht den Notarzt gerufen habe. Dann war schnell klar, dass es eine Vergiftung ist und wir haben den Transport aus Moskau nach Berlin organisiert. Wenn ich in der Nacht nicht da gewesen wäre, würde er wohl nicht mehr leben.“

Anschlag durch russischen Geheimdienst?

Pjotr Wersilow ist sich sicher, wer verantwortlich für den Anschlag auf sein Leben ist. „Ich gehe fest davon aus, dass der russische Geheimdienst hinter meiner Vergiftung steckt, möglicherweise der russische Aufklärungsdienst GRU. Die Vergiftung lief so professionell, dass es keinen anderen Schluss zulässt. Sie haben möglicherweise an mir einen neuen Gift-Cocktail ausprobiert, denn meine Vergiftung lief anders als andere: Es dauerte nicht mehrere Tage, bis ich etwas gemerkt habe, sondern es war sofort akut. An die Tage danach habe ich keine Erinnerung mehr.“

Wersilow ist Gründer der Website MediaZona, die über Gerichtsverfahren gegen Menschenrechtsaktivisten berichtet. In jüngster Zeit arbeitete er an einem Dokumentarfilm über einen der drei russischen Journalisten, die im August bei Recherchen über eine russische Söldnergruppe in der Zentralafrikanischen Republik getötet worden waren.

Beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft im Juli in Moskau war Wersilow zusammen mit seiner Lebensgefährtin Veronika Nikulschina und zwei weiteren Pussy-Riot-Mitgliedern auf das Spielfeld gestürmt, um gegen die Unterdrückung politisch Andersdenkender in Russland zu protestieren. Die vier Aktivisten wurden zu 15 Tage Haft verurteilt.

Kürzlich wurde in Berlin auf offener Straße ein Ex-Agent aus Georgien umgebracht. War es die Tat eines russischen Geheimdienstes?

Video: Die behandelnden Ärzte über den Zustand von Pjotr Wersilow

tf/afp/glomex

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